Rogers, Carl [1902-1987]

Ein voll funktionierender Mensch

Genau wie Maslow interessiert sich Rogers ebenso sehr für die gesunden Menschen. Dazu verwendet er den Begriff “voll funktionierend” ( fully-functioning ), worunter er die folgenden Eigenschaften fasst:

1. Offenheit für Erfahrungen ( openness to experience).
Dies ist das Gegenkonzept zur Defensivität. Man versteht darunter die akkurate Wahrnehmung der eigenen Erfahrungen in der Welt, eingeschlossen der eigenen Empfindungen. Es umfasst zudem die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu akzeptieren, wieder eingeschlossen der eigenen Empfindungen. Die Empfindungen spielen deshalb eine so bedeutende Rolle, weil sie organismic values übermitteln. Wenn man seinen Empfindungen gegenüber nicht offen sein kann, ist man auch nicht offen für Verwirklichung. Der schwierige Teil besteht natürlich darin, die wirklichen Gefühle von den Ängsten zu unterscheiden, welche durch Wertbedingungen hervorgerufen werden.

2. Existentielles Leben. Das Leben im Hier und Jetzt.
Rogers besteht darauf, dass wir nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben – die Vergangenheit ist vergangen und die Zukunft noch nicht vorhanden! Die Gegenwart ist die einzige Realität, die wir haben. Dennoch soll das nicht heißen, dass wir uns nicht an die Vergangenheit erinnern und von ihr lernen sollen. Es bedeutet auch nicht, dass wir unsere Zukunft nicht planen oder Tagträume haben sollten. Wichtig ist, diese Dinge als das zu erkennen, was sie sind: Erinnerungen und Träume, die wir hier in der Gegenwart durchleben.

3. Organismisches Vertrauen (?) ( organismic trusting ).
Wir sollten es uns erlauben, uns vom organismischen Bewertungsprozess leiten zu lassen. Wir sollten uns selbst vertrauen, tun, was sich richtig anfühlt, was natürlicherweise zustande kommt. Wie wir bereits gesehen haben, ist dies ein grundlegender Punkt in Rogers Theorie. Die Menschen sagen und tun, was ihnen natürlich erscheint – wenn Sie sadistisch veranlagt sind, verletzen Sie andere Menschen; sind Sie masochistisch veranlagt, verletzen Sie sich selbst; machen Drogen oder Alkohol Sie glücklich, konsumieren sie diese Stoffe; sind Sie depressiv, bringen Sie sich um…. Das klingt nicht nach einem hilfreichen Rat. Insbesondere den 60er und 70er Jahren wird diese Einstellung angelastet. Wir müssen uns vor Augen halten, dass Rogers das Vertrauen in das reale Selbst meint, und man kann nur erfahren, was uns das reale Selbst zu sagen hat, wenn man dafür offen ist, Erfahrungen wahrzunehmen und existentiell zu leben! Anders ausgedrückt geht das organismische Vertrauen davon aus, dass man mit der eigenen Neigung zur Verwirklichung in Kontakt steht.

4. Freiheit der Erfahrung ( experiential freedom ).
Rogers ist der Auffassung, es sei irrelevant, ob Menschen einen freien Willen haben. Wir gehen davon aus, dass wir einen freien Willen haben. Dennoch heißt das nicht, dass wir tun können, was wir wollen: Wir sind von einem deterministischen Universum umgeben, so sehr ich also auch mit den Armen flattere, werde ich dennoch nicht fliegen können wie Supermann. Das bedeutet, wir fühlen uns frei, wenn uns Auswahlmöglichkeiten offen stehen. Rogers sagt, die voll funktionierende Person erkenne dieses Gefühl der Freiheit an und übernehme für ihre Wahl Verantwortung.

5. Kreativität.
Fühlt man sich frei und verantwortlich, verhält man sich entsprechend, man nimmt an der Welt teil. Eine voll funktionierende Person, verbunden mit Verwirklichung, wird sich natürlich verpflichtet fühlen, zur Verwirklichung anderer und sogar zum Leben an sich beizutragen. Etwa durch Kreativität im Bereich der Künste und Wissenschaften, durch soziales Engagement und elterliche Liebe, oder schlicht indem man im Job sein Möglichstes tut. So wie Rogers den Begriff versteht, liegt Kreativität dem Konzept von Eriksons Generativität sehr nahe.

Zitation

Boeree, C. George (07. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Rogers, Carl [1902-1987], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/rogers

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