Skinner, B. F. [1904-1990]

Shaping

Skinner musste sich mit der Frage beschäftigen, wie er komplexere Verhaltensweisen hervorrufen und untersuchen konnte. Seine Strategie war das Shaping oder die Methode erfolgreicher Annäherungen ( the method of successive approximations ).

Im Grunde geht es darum, zunächst ein Verhalten zu verstärken, das dem gewünschten Verhalten nur vage nahe kommt. Ist dies einmal geschafft, sucht man nach Variationen, die der eigentlich gewünschten Verhaltensweise näher kommen, und setzt dies so lange fort, bis das Tier ein Verhalten zeigt, das es in seinem gewöhnlichen Dasein nie zeigen würde. Skinner und seine Studenten waren ziemlich erfolgreich darin, Tieren einige recht ungewöhnliche Dinge beizubringen. Ich fand es am besten, wie sie Tauben bei brachten, zu bowlen!

Ich habe die Methode des “Shaping” einmal bei einer meiner Töchter angewendet. Sie war ungefähr drei Jahre alt und fürchtete sich davor, eine besondere Rutsche hinunter zu rutschen. Also nahm ich sie hoch und setzte sie an das untere Ende der Rutsche und fragte, ob sie sich wohl fühle und von hier herunter springen könne. Das hat sie natürlich gemacht und ich habe sie überschwänglich gelobt. Dann hab ich sie ein Stückchen weiter oben auf der Rutsche platziert, wieder gefragt, ob sie sich da wohl fühle und ob sie aus dieser Höhe herunter springen könne. So weit so gut. Ich habe die Prozedur dann fortgesetzt und sie jedes mal ein Stückchen weiter oben auf die Rutsche gesetzt, wenn sie sich fürchtete, haben wir weiter unten erneut begonnen. Schließlich konnte ich sie ganz oben auf die Rutsche setzen und sie konnte bis ganz unten rutschen und herunter hüpfen. Leider konnte sie noch immer nicht die Leiter hoch steigen … ich war für eine gewisse Zeit ein sehr beschäftigter Vater.

Das entspricht auch der Methode, die in einer Therapie namens systematische Desensibilisierung ( systematic desensitisation ) verwendet wird, die ein anderer Behaviorist namens Joseph Wolpe entwickelt hat.

Jemand mit einer Phobie – zum Beispiel einer Spinnenphobie – wird hier gebeten, zehn Szenarien zu entwerfen, in denen es um Spinnen und Panik in verschiedenen Abstufungen geht. Das erste Szenario wäre ein schwaches – zum Beispiel eine kleine Spinne von großer Entfernung draußen zu sehen. Das zweite Szenario wäre ein wenig stärker und so weiter, bis dann das zehnte Szenario eine Situation beschreibt, die absolut fürchterlich ist – z.B. eine Tarantel kriecht Ihnen übers Gesicht während Sie mit 160 Sachen über die Autobahn rauschen! Dann bringt Ihnen der Therapeut bei, wie Sie Ihre Muskeln entspannen können – was mit Angst inkompatibel ist. Nachdem Sie das einige Tage lang geübt haben, gehen Sie mit dem Therapeuten nochmals Schritt für Schritt Ihre Szenarien durch und achten darauf, entspannt zu bleiben. Und zwar so lange, bis Sie sich schließlich die Situation mit der Tarantel vorstellen können, und dabei absolut unverkrampft bleiben.

Die Technik ist mir persönlich sehr vertraut, weil ich nämlich selbst an einer Spinnenphobie litt und sie mit Hilfe dieser Therapie losgeworden bin. Es funktionierte so gut, dass ich nach einer Sitzung (nach der Sitzung, in der ich Szenarien aufschrieb und meine Muskeln zu entspannen übte) bereits in der Lage war, ein solches Spinnentier in die Hand zu nehmen. Cool.

Neben den recht simplen Beispielen ist das Shaping auch für die allerkomplexesten Verhaltensweisen verantwortlich. Zum Beispiel wird man auch nicht einfach so Hirnchirurg, indem man in einen Operationsraum hinein stolpert, jemandem die Schädeldecke öffnet, erfolgreich einen Tumor entfernt und anschließend mit Prestige und einem umwerfenden Gehalt belohnt wird, wie eine Ratte in der Skinner Box. Vielmehr ist es so, dass wir von unserer Umwelt sanft geformt werden, gewisse Dinge zu mögen, gut in der Schule zu sein, einen bestimmten Kurs zu belegen, vielleicht auch einen Film über einen Arzt zu sehen, positive Erfahrungen bei Krankenhausaufenthalten zu haben, dann ein Medizinstudium zu beginnen und ermutigt zu werden, sich auf Hirnchirurgie zu konzentrieren und so weiter. So oder ähnlich könnten Ihre Eltern Sie geformt haben, wie bei der Ratte im Käfig. Doch wahrscheinlich verlaufen diese Prozesse meist mehr oder weniger unbeabsichtigt.

Zitation

Boeree, C. George (08. Juni 2007): Persönlichkeitstheorien: Skinner, B. F. [1904-1990], URL: http://www.social-psychology.de/sp/pt/skinner

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