
Soziobiologie
Attraktivität
Beginnen wir unsere Untersuchung bei der Auswahl des Fortpflanzungspartners. Es ist offensichtlich, dass wir uns zu einigen hingezogen fühlen und zu anderen nicht. Soziobiologen haben hierfür dieselbe Erklärung wie für alles andere, basierend auf der archetypischen Frage “warum ist Zucker süß?” Wir müssten uns also sexuell zu denen hingezogen fühlen, deren Merkmale unseren eigenen Erfolg genetisch verstärken, d.h. jemand, der uns viele gesunde und fruchtbare Nachkommen schenken würde. Demnach müssten wir Gesundheit attraktiv und Krankheit unattraktiv finden. Wir müssten zudem “perfekte” Merkmale attraktiv finden, Deformationen hingegen unattraktiv. Wir müssten auch Vitalität, Stärke und Kraft attraktiv finden. “Durchschnittlichkeit” sollte attraktiv auf uns wirken – nicht zu klein, nicht zu groß, nicht zu dick, nicht zu dünn…. Quasimodo hatte trotz all seine Anständigkeit Schwierigkeiten, ein Date zu bekommen.
Wir fühlen uns auch aus weniger “logischen” Beweggründen heraus zu jemandem hingezogen, zum Beispiel spielt das Maß der jeweiligen männlichen oder weiblichen physischen – und verhaltensbezogenen – Merkmale eine Rolle. Frauen bevorzugen Männer, die groß sind, breite Schultern und ein breites Kinn haben…. Männer bevorzugen Frauen, die kleiner sind als sie selbst, weicher und runder….
Dies wird als sexueller Dimorphismus bezeichnet: Geringe funktionale Unterschiede zwischen den Geschlechtern können über Generationen hinweg zu großen nicht-funktionalen Unterschieden werden. Wenn Vogelweibchen instinktiv farbenprächtige Männchen bevorzugen – möglicherweise weil farbenprächtige Männchen früher Raubtiere von den Weibchen und ihre Brut fern halten konnten – würde das bedeuten, dass ein farbenfroheres Männchen bessere Chancen hat. Und auch das Weibchen, das farbenprächtige Männchen bevorzugt, hätte bessere Chancen: ihr Nachwuchs würde diese Farben erben ebenso wie die Vorliebe für Farben usw. … bis der Punkt erreicht ist, an dem Farben und die Vorliebe dafür kein Pluspunkt mehr sind, sondern zum Minuspunkt werden. Letztlich können einige Männchen am Ende der Entwicklung wegen all ihrer Pracht kaum noch fliegen.
Menschliche Wesen sind weniger stark dimorph. Doch wir sind uns des Dimorphismus durchaus bewusst! Der Dimorphismus kann auch in anderen Verhaltensweisen gefunden werden. David Barash drückt es so aus: “Männliche Wesen werden eher wegen ihrer Kunst des Verkaufens ausgewählt; weibliche Wesen für den Widerstand dagegen.” Für weibliche Wesen steht bei jedem Zeugungsakt einiges auf dem Spiel: die begrenzte Anzahl des Nachwuchses, die sie austragen kann, die Gefahren der Schwangerschaft und Geburt, das erhöhte Bedürfnis nach Nahrung, die Gefahr, die von Raubtieren ausgeht… all dies macht die Wahl eines Kopulationspartners zu einer wichtigen Überlegung. Männliche Wesen können sich jedoch den Konsequenzen der Kopulation entziehen.
Aus diesen Gründen bewegt es weibliche Wesen mehr, mit wem sie Beziehungen haben. Sie achten sehr darauf, welche Merkmale ein männliches Wesen zu ihrem genetischen Überleben beitragen wird. Ein eindeutiges Beispiel ist die Aufmerksamkeit, die weibliche Tiere der Größe und Stärke der Männchen widmen, sowie die Entwicklung spezialisierter Wettbewerbe, wie sie etwa bei Tieren mit Fühlern und Hörnern ausgetragen werden, um diese Stärke zu demonstrieren.
Es gibt auch unauffälligere Hinweise. Bei manchen Tiergruppen müssen die Männchen nicht nur ihre Stärke beweisen, sondern auch, dass sie für die Familie sorgen können. Dies trifft vor allem auf Arten zu, bei denen die Männchen während der Trächtigkeit und Stillzeit für das Weibchen sorgt – genau wie beim Menschen! Soziobiologen meinen, dass Männer Jugend und Äußerlichkeiten am attraktivsten finden, Frauen neigen eher dazu, nach Anzeichen für Erfolg, Solvenz und Savoir-Faire Ausschau zu halten. Vielleicht ist es mehr als eine kulturelle Gegebenheit, dass Männer Blumen und Pralinen schenken, im Restaurant die Rechnung zahlen usw.
Des weiteren meinen die Soziobiologen, dass sich Frauen eher für einen “erwachsenen” Mann interessieren, weil ein solcher Mann bereits die wichtigen Eigenschaften umsetzen konnte. Und sie interessieren sich weniger für den “noch nicht erwachsenen” Mann, der ein gewisses Risiko darstellt. Daneben sollen Frauen auch eher damit einverstanden sein, einen Mann mit mehreren Frauen zu teilen, als umgekehrt ein Mann bereit wäre, eine Frau mit mehreren Ehemännern zu teilen: Einen eindeutig erfolgreichen Mann zu teilen, ist in einigen Fällen besser, als allein die ganze Last des Versagens zu tragen. Überdies ist Polygamie noch stärker verbreitet als Monogamie, während in höchstens zwei Kulturen (eine in Tibet und die andere in Afrika) ein Frau mehrere Männer hat; in beiden der genannten Kulturen bedeutet dies, dass zwei Brüder sich eine Ehefrau “teilen”, um das Erbe nicht zu splitten.
Betrachtet man die Sache aus einem anderen Blickwinkel, kann man feststellen, dass männliche Wesen Untreue weit weniger tolerieren: Weibchen “wissen”, dass ihre Kinder tatsächlich ihre eigenen sind; Männchen hingegen können sich da nie so sicher sein. Auch genetisch spielt es nicht so sehr eine Rolle, ob Männchen sich gelegentlich einen “Fehltritt” leisten, viele Partnerinnen begatten oder untreu sind. Und mit Sicherheit sind gehen die meisten Kulturen viel härter gegen Frauen vor, wenn es um Ehebruch geht. In den meisten Kulturen muss die Frau zur Familie des Mannes ziehen (Virilokalität) – wie um sie besser kontrollieren zu können.
Vor dem Hintergrund der romantischen Vorstellung von Liebe und Ehe ist es interessant festzustellen, dass eine Ehe geschieden oder annulliert werden kann, wenn es nicht zum Vollzug der Ehe kommt. Auch Unfruchtbarkeit und Impotenz sind in unserer Kultur häufig der Anlass für eine Scheidung. Offenbar ist die Reproduktion viel wichtiger, als wir zugeben möchten.
Sicher, es gibt eine Grenze der Übersetzung tierischen Verhaltens auf das menschliche Verhalten (oder auch generell von einer Spezies zur anderen), und dies trifft insbesondere auf das Sexualverhalten zu. Wir sind sexy Tiere: Die meisten Tiere beschränken ihre sexuelle Aktivität auf eng begrenzte Zeiträume. Bei den meisten Spezies gibt es kaum einen Hinweis auf einen weiblichen Orgasmus und auch bei dem Männchen dauert der Orgasmus nur sehr kurz an, während die Menschen mit viel mehr Enthusiasmus und über einen längeren Zeitraum hinweg Sex haben. Keine andere Spezies empfindet Sex offenbar als reine Unterhaltung.
Wir können nur spekulieren, wie es dazu gekommen ist. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der menschliche Nachwuchs so lange nach der Geburt völlig hilflos ist.
Zitation
Ellis, Albert [*1913] « | » Die endgültige Persönlichkeitstheorie
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