
Soziobiologie
Aggression
Wie so viele Konzepte in der Sozialpsychologie gibt es auch für die Aggression viele Definitionen, sogar mehrere Evaluationen. Manche halten Aggression für eine große Tugend (z.B. “die aggressive Geschäftsperson”), während andere die Aggression als symptomatisch für psychische Krankheit betrachten.
Die Tatsache, dass wir all dies unter demselben Begriff zusammenfassen zeigt, dass es einen gemeinsamen Kern gibt: sowohl die positive als auch die negative Form der Aggression dienen dazu, das Selbst zu stärken. In ihrer positiven Ausprägung, die wir als Bestimmtheit (assertiveness) bezeichnen könnten, dient die Aggression dazu, das Selbst zu stärken, ohne dabei jemanden zu verletzen. In der negativen Ausprägung, die wir als Gewalt (violence) bezeichnen könnten, geht es eher darum, andere zu schwächen (disenhancement), um das gleiche Ziel zu erreichen.
Auch wenn das Leben der Tiere uns oft blutrünstig erscheint, müssen wir darauf achten, den Raubtierinstinkt – andere Tiere als Beute zu jagen und zu töten – nicht mit Aggression zu verwechseln. Der Raubtierinstinkt bei fleischfressenden Tieren funktioniert so, als ob die Tiere in der Population der vegetarischen Tiere weiden, und ist nicht vergleichbar mit Aggression zwischen Mitgliedern derselben Spezies. Schauen wir uns genau an, wie eine Katze eine Maus jagt: Sie wirkt cool, überhaupt nicht erregt oder wild. Übertragen auf das menschliche Verhalten zeigt die jagende Katze nicht das emotionale Korrelat der Aggression: Wut. Die Katze macht nur ihren Job.
Nachdem wir das geklärt haben, bleibt nur noch wenig übrig von der Aggression in der Tierwelt. Und doch bleibt noch etwas zurück. Wir finden die Aggression noch in dem Kämpfen um eine Ressource. Diese Ressource muss für den individuellen reproduktiven Erfolg (fitness) bedeutsam sein. Des weiteren muss die Ressource in ihrer Verfügbarkeit limitiert sein: Zum Beispiel kämpfen Tiere nicht um Luft, sondern eher um Wasser, Nahrung, Nistplätze und Paarungspartner.
Der letztgenannte Punkt – die Paarungspartner – ist für die meiste Aggression bei Säugetieren verantwortlich. Zumeist sind es die männlichen Tiere, die hier durch aggressives Verhalten auffallen. Wie wir schon festgestellt hatten, steht für die Weibchen bei jedem Kopulationsakt so viel auf dem Spiel – die lange Zeit der Trächtigkeit, der erhöhte Energiebedarf, die Anfälligkeit für Angriffe, die Gefahren der Geburt und die Verantwortung während des Säugens – dass es für ihre “Fitness” von Vorteil ist, wenn sie ihren Partner sorgfältig auswählen. Und wenn die Weibchen wählerisch sind, müssen die Männchen eine Show abziehen: sie müssen beweisen, dass sie die Qualitäten haben, die die “Fitness” des Weibchens fördern, um so ihre eigene “Fitness” zu erhöhen. Rehe sind hierfür ein gutes Beispiel. Doch das Verhalten muss nicht notwendiger Weise bewusst oder erlernt sein; zumeist handelt es sich bei Säugetieren um instinktgeleitetes Verhalten. Auch beim Menschen mag der Instinkt eine Grundlage sein.
Die Aggressivität ist möglicherweise zu einem Großteil von Testosteron gesteuert, also dem “männlichen” Hormon. Injiziert man zum Beispiel weiblichen Mäusen Testosteron, kann man beobachten, wie die Hemmschwelle für aggressives Verhalten sinkt. Entzieht man dagegen männlichen Mäusen Testosteron (indem man sie kastriert), steigt ihre Hemmschwelle für aggressives Verhalten an. Es bleibt anzumerken, dass Testosteron keinesfalls Aggressivität verursacht, es hat aber einen Einfluss auf das Maß der Aggression.
Bei manchen Spezies können jedoch auch Weibchen ausgesprochen aggressiv sein (wie etwa bei Meerschweinchen), und die Weibchen jeder Spezies können unter bestimmten Umständen extrem aggressiv sein (wenn etwa ihr Nachwuchs bedroht wird). In menschlichen Gesellschaften sind die soziologischen Statistiken eindeutig: Die meisten Gewaltverbrechen werden von Männern verübt. Doch wir erleben gerade, wie sich diese Statistik verschiebt, seit Frauen ihre Rechte auf volle Teilhabe in der sozialen und ökonomischen Welt beanspruchen. Die Forschung der Zukunft wird zeigen, in wie weit Testosteron für die Aggression der Menschen verantwortlich ist.
Trotzdem sind es die Männer, die sich die Köpfe einschlagen. Diese Kämpfe um ein Weibchen enden bei den meisten Spezies jedoch selten mit dem Tod oder auch nur mit einer ernsten Verletzung des Rivalen. Das liegt daran, dass es eben nur Wettkämpfe sind. Es geht darum, die eigenen Vorzüge möglichst gut darzustellen und zum Abschluss dem Gewinner einen Auslösereiz zu vermitteln, dass der Kampf sich für ihn entschieden hat: Unterwürfigkeitsgesten. Weitergehende Aggressionen wären für keinen der Beteiligten danach noch sinnvoll. Nicht einmal männliche Klapperschlangen beißen einander!
Territorialverhalten und Dominanzhierarchien – welche früher als maßgebliche Auslöser aggressiven Verhaltens betrachtet wurden – sind eher weniger bedeutsam. Tiere akzeptieren Territorien und Status, statt sie anzufechten. Aggression tritt nur dann auf, wenn die natürlichen oder vom Menschen geschaffenen Umstände ungewöhnlich sind. Auch ein geringes Nahrungsangebot löst keine Aggression aus. Southwick, der Rhesusaffen im Londoner Zoo studierte, fand heraus, dass ein um 25% reduziertes Nahrungsangebot keine Auswirkung auf das Maß der Aggression hat, und bei 50% weniger Nahrungsangebot nahm das aggressive Verhalten sogar ab!
Zitation
Ellis, Albert [*1913] « | » Die endgültige Persönlichkeitstheorie
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