
Soziobiologie
Aggression beim Menschen
Warum aber gibt es so viel Aggression unter Menschen? Ein möglicher Grund ist, dass uns biologische Schranken fehlen. Soziobiologen meinen, dass die Tierarten, die nur schlecht für aggressives Verhalten ausgerüstet sind, auch keine Unterwürfigkeitsgesten entwickeln. Wir hingegen haben Technologien entwickelt, unter anderem Technologien der Zerstörung, und genau diese Technologien haben sich im Vergleich zu unserer biologischen Evolution viel zu schnell “entfaltet”, als dass wir entsprechend kompensierende Schranken hätten entwickeln können.
Aus Erfahrung wissen wir, dass Handfeuerwaffen gefährlicher sind als Messer, obwohl beide effektive Mordinstrumente sind, weil ein Revolver schneller ist und uns weniger Zeit bleibt, unser Handeln rational zu überdenken – dies wäre die einzige Schranke, die uns noch bleibt.
Ein anderes Problem ist, dass wir Menschen nicht nur in der “realen” Welt leben, sondern zusätzlich noch in einer symbolischen Welt. Ein Löwe entwickelt Aggressionen wegen einer bestimmten Sache, hier und jetzt. Menschen jedoch können auf Dinge aggressiv reagieren, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, oder Dinge, von denen sie annehmen, dass sie in Zukunft geschehen werden, aber auch auf Dinge, die sie nur vom Hörensagen kennen.
Ein Löwe wird wegen schlicht körperlicher Dinge aggressiv. Wenn ihm jemand ein Schimpfwort hinterher ruft, interessiert ihn das überhaupt nicht.
Ein Löwe wird aggressiv, wenn ihm persönlich etwas angetan wird. Wir hingegen können uns darüber aufregen, wenn unserem Auto etwas passiert oder dem Haus, der Gemeinschaft, der Nation, religiösen Einrichtungen und so weiter. Wir haben unser “Ich” weit über unsere eigenen Interessen und die Interessen jener, die wir lieben, hinaus auf zahlreiche symbolische Dinge ausgedehnt.
Wenn nun die Aggression beim Menschen auf Instinkten basiert, müsste man davon ausgehen, dass es einen Auslösereiz gibt. Natürlich wäre es nicht so simpel wie bei den Fischmännchen, die sich während der Paarungszeit feuerrot färben. Kehren wir zu der Idee zurück, dass Wettbewerb ein fruchtbarer Boden für das Entstehen von Aggression ist – es deutet sich an, dass Frustration ein verwandtes Beispiel ist. Ihr seid zu zweit und beide wollen dasselbe; wenn einer es sich einfach schnappt, schaut der andere in die Röhre und ist unglücklich; also nimmt er es dem anderen weg, und jetzt ist der andere unglücklich und so weiter. Das zielgerichtete Verhalten ist blockiert worden, und das wird als Frustration bezeichnet.
Das Thema kennt unzählige Variationen: Wir können frustriert reagieren, wenn ein andauerndes Verhalten unterbrochen wird; wenn das Erreichen eines Ziels sich verzögert (drängeln Sie sich mal in der Schlange im Supermarkt vor jemanden), oder auch wenn gewöhnliche Verhaltensmuster unterbrochen werden (wenn ich morgens nicht meinen Kaffee bekomme). Wir sind ja so flexibel …
Doch Achtung: Andere Dinge können ohne Frustration zu Aggression führen (oder arbeiten hoch bezahlte Boxer nicht vornehmlich mit Aggression?) und Frustration kann auch in nicht-aggressives Verhalten münden (oder führt soziale Impotenz nicht zu Depression?). Fromm weist darauf hin, dass Frustration (und Aggression) im Auge des Betrachters liegt. Seiner Einschätzung nach muss der Frustration das Gefühl der Ungerechtigkeit zugrunde liegen oder etwas muss als Zeichen für Zurückweisung aufgefasst werden, um in Aggression um zu schlagen.
Zitation
Ellis, Albert [*1913] « | » Die endgültige Persönlichkeitstheorie
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