
1.1 Bewusstsein
Um Bewusstsein zu erlangen, muss ich von der Welt getrennt und doch der Welt gegenüber offen sein; ich muss in der Lage sein, die Welt zu ändern und mich gleichfalls von ihr ändern lassen, während ich ein gewisses Maß an Integrität und Kontinuität beibehalte. Und ich muss meine Integrität und Kontinuität wünschen.
Ohne dieses Verlangen, gehen die Qualitäten der Welt einfach durch mich hindurch, wie Informationen durch einen Computer. Nur das Verlangen macht diese Informationen relevant und bedeutungsvoll.
Was ersehne ich? Zunächst möchte ich mich selbst erhalten. Damit ist mehr als physisches Überleben gemeint; es geht hier um die Erhaltung der Integrität und Kontinuität meiner Differenzierung von der Welt und anderen Bewusstseinseinheiten. Also möchte ich mein Selbst erhalten.
Das Selbst ist keine einfache Angelegenheit. Es umschließt das Ich, also den Punkt, von dem aus wir die Welt erfahren, die begrenzende Perspektive. Es umschließt auch meinen Körper, das Objekt in der Welt “da draußen”, die das Ich “trägt” und durch welche das Ich zu der Welt in Beziehung tritt. Und es umschließt auch meinen Geist, meine Fähigkeiten und Erinnerungen, der gesammelte “Nachlass” meiner Erfahrungen, mit denen das Ich zur Welt in Beziehung tritt. Wir wollen alle drei Dinge erhalten – Ich, Körper und Geist – obwohl dies mit Konflikten verbunden sein kann.
Zumindest bei höher entwickelten Tieren können wir auch von einem Selbst-Bewusstsein sprechen, nicht nur in dem Sinne, dass ein Tier sich zum Beispiel seiner Pfote bewusst ist, sondern in dem Sinne, dass wir uns selbst einen Platz in unserer Wahrnehmung der Welt geben. Es ist als müssten wir die Realität “durch” die Totalität dessen, wer wir sind, ansehen, Geist und Körper.
Und schließlich sind wir fähig, zu reflektieren. Als Objekt meiner Aufmerksamkeit kann ich nicht nur das nehmen, was “da draußen” ist, sondern auch die Prozesses meines eigenen Geistes. Vermutlich haben nur menschliche Wesen sowohl “unmittelbares Bewusstsein” als auch “reflektives Bewusstsein”.
Unser Interesse für Integrität und Kontinuität setzt voraus, dass ich “innerhalb der Zeit” bin, d.h. dass ich die Richtung der Ereignisse wahrnehme und sie beeinflusse. Dies wiederum setzt voraus, dass ich in der Lage bin, aus vergangener Erfahrung Nutzen zu ziehen, um mögliche Zukunftskonstellationen vorauszusehen. Die Fähigkeit, etwas vorauszusehen, setzt voraus, dass wir etwas wahrnehmen können, was nicht da ist – d.h. wir müssen uns etwas vorstellen können. Diese “zweite Sicht” ist auch die Wurzel des Erinnerns und Denkens, und sie gibt uns ein gewisses Maß von Unabhängigkeit von dem Strom der Ereignisse um uns herum.
Etwas vorausahnen zu können, bedeutet, dass wir Bedrohungen der Erhaltung von Integrität und Kontinuität voraussehen, sowie Reaktionen auf derartige Bedrohungen erwägen. Somit wünsche ich also nicht nur die Erhaltung, sondern auch die Bestärkung meines Selbst.
Das Verlangen, die Integrität und Kontinuität des Selbst zu erhalten und zu bestärken, wird gemeinhin als Verwirklichung bezeichnet.
Als ein mit Verlangen ausgestattetes Wesen, kann ich der Welt gegenüber nicht indifferent sein. Ich stehe zur Welt in einem leidenschaftlichen Verhältnis. Interaktionen, die meiner Verwirklichung entgegenstehen, nehme ich als Schmerz und Kummer negativ wahr. Interaktionen, die meine Verwirklichung unterstützen, nehme ich als Freude und Vergnügen positiv wahr. Die Intensität der Empfindung ist die Einheit des Relevanzmaßes, das die Interaktion für mich hat.
Mein Verständnis der Welt und meiner selbst wird fortlaufend von meinen Erwartungen und Handlungen auf die Probe gestellt. Wenn mein Verständnis inadäquat ist, empfinde ich Kummer und versuche, das Unangenehme durch weitere Antizipation und Handlung zu reparieren. Da diese Reaktionen mich zu einem adäquaten Verständnis führen, empfinde ich Freude.
Physischer Schmerz und Freude sind zyklische Zusammenbrüche und Wiederherstellungen der Integrität, welche Kummer und Vergnügen nachahmen. Sie verbessern zwar nicht das Verstehen an sich, doch sie können die Wirkung ansonsten kummervoller und vergnüglicher Ereignisse verstärken. Schmerz und Freude sind meine Erfahrungen der Erhaltung und Verstärkung, diese sind eher im Laufe der Evolution und nicht durch verfeinertes Bewusstsein entstanden.
Ironischer Weise sind Schmerz und Kummer Empfindungen, die auftreten, wenn unsere Bedürftigkeit am größten und unser Bewusstsein am klarsten ist. Wir empfinden Freude und Vergnügen, während wir ins Unbewusste gleiten! Wo keine Probleme oder auch nur Probleme, die gerade gelöst werden, sind, gibt es auch keine Emotion. Nur im Unbewussten wird die Differenzierung von Selbst und Welt vergessen, und für eine Weile sind wir wirklich in einem friedlichen Zustand. Doch wir sind nicht in der Lage, es zu genießen! Ohne Emotion kein Bewusstsein.
Meine Fähigkeit, Antizipationen zu leisten, erlaubt gewisse Emotionen, die von der unmittelbaren Situation nur einen Schritt entfernt sind. Sorge ist zum Beispiel die bekümmerte Erwartung von Kummer. Man kann auch Vergnügen vergnügt erwarten, was man ja nach den genauen Details als Hoffnung oder Eifer bezeichnen kann. Ärger ist Kummer, der durch die Erwartung gemäßigt wird, dass dieser Kummer durch unsere eigene Einwirkung auf die Welt umgewandelt werden könnte. Traurigkeit ist eine Art von Kummer, welche anerkennt, dass wir uns kontinuierlich bemühen müssen, uns selbst zu ändern. Und so weiter.
Vieles, was als inadäquat erlebt wird, ist bereits im Verstehensprozess eingeschlossen und verursachen daher keinen Kummer, sie erfordern keine Veränderung. Mit anderen geht man vermeidend oder mit anderen defensiven Manövern um. Doch Verwirklichung erfordert es letztlich, dass ich es nicht vermeide, mich mit meinen Unzulänglichkeiten auseinander zu setzen. Stattdessen sollte ich sogar aktiv nach ihnen suchen. Dies wiederum erfordert die Fähigkeit, Schmerz, Kummer und Angst zu durchleben, was gemeinhin als Wille bezeichnet wird.
Die Welt stellt dem Verstand eine endlose Auswahl potentieller Unterscheidungen zur Verfügung. Unsere Wünsche führen uns dahin, Unterschiede zu entdecken und Differenzierungen vorzunehmen. Unser Verstehen verbessert sich, während wir immer feinerer Unterscheidungen vornehmen müssen.
Wenn ich neue Differenzierungen aufnehme, bin ich mir ihrer Existenz bewusst. Sind sie aber erst einmal an ihrem Platz, werden sie zu unbewussten Bestandteilen. Erst wenn sie versagen, dringen sie wieder in mein Bewusstsein vor. Wenn ich mich zum Beispiel auf einen Stuhl setze, tue ich dies, ohne dem Vorgang bewusst Aufmerksamkeit zu schenken; gehe ich aber davon aus, dass dort ein Stuhl steht und da steht gar keiner, dann erst wird mir mein Verständnis im Zusammenhang von Stuhl und Hinsetzen bewusst. Differenzierungen sind mir auch dann bewusst, wenn ich sie in Abwesenheit der Welt oder ungeachtet der Welt verwende. In dem Fall erfahre ich sie als Erinnerungen, Gedanken, Bilder und so weiter. Jeder Mensch hat eine eigene Perspektive zur und ein eigenes Verständnis von der Welt. Die Differenzierungen, die für Sie bedeutsam sind, können für mich ohne Bedeutung sein. Und doch verweisen beide auf die selbe Realität. Deshalb sind wir letztlich in der Lage, einander zu verstehen.
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