1.2 Selbstverwirklichung

Selbstverwirklichung ist natürlicherweise telisch, d.h. vorausschauend. Wir “schauen nach vorne” auf eine kontinuierliche und verbesserte Existenz. Im alltäglichen Leben können wir sehen, dass unser Handeln auf Ziele und Zwecke hin orientiert ist. Wenn wir in unserer Aktivität innehalten, können wir die telische Natur unserer Motivation im antizipierten Bild sehen – etwas, das wir wünschen, ersehnen oder wonach wir streben, ist in diesem Bild präsent. Doch da Motivation meist telisch und nicht kausal ist, ist sie nicht notwendig; und etwas wie eine “Reaktion auf einen Stimulus” trifft nur auf ganz wenige Bereiche unseres Lebens zu!

Unsere körperliche Existenz zu verwirklichen, bedeutet, nach Nahrung zu suchen, nach Entspannung und Übung, die Flucht vor Schmerz und Irritation. Und durch einen Trick, der so alt ist wie das Leben, suchen wir Sex. Meist ist auch dies telischer Natur und hat nicht das Gewicht der Notwendigkeit – Dringlichkeit ja, aber nicht Notwendigkeit. Da der Körper jedoch sowohl “da draußen” als auch “hier drinnen” ist, gibt es Dinge, die uns unwiederbringlich überwältigen. Versuchen wir etwa, die Luft zu lange anzuhalten, werden wir wohl irgendwann ohnmächtig oder atmen wieder.

Den Geist oder das Verständnis zu verwirklichen, bedeutet, dass wir nach Bedeutsamkeit suchen, Verwirrung meiden und unser Verstehen durch eine energische Einstellung zu testen und zu verbessern versuchen – falls das Leben unsere Bestimmtheit nicht gelähmt hat und Passivität zu unserer neuen Überlebensstrategie geworden ist.

Wir versuchen auch durch andere Menschen Unterstützung und Verbesserung unseres Verständnisses zu erreichen. Die anderen sind für uns eine Quelle der Erfahrung, so dass wir nicht immer selbst alle Erfahrungen durchleben müssen; zudem bestätigen oder korrigieren andere unsere eigenes Verstehen. Mit ihnen bauen wir eine soziale Realität auf, auch dies ist keine Notwendigkeit, sondern erweitert unser Verwirklichungspotential.

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass diese soziale Realität – obgleich sie als Mittel individueller Erhaltung und Verbesserung existiert – so unerlässlich und mächtig werden kann, dass das Individuum – freiwillig oder unfreiwillig – der Erhaltung oder Verbesserung der Gesellschaft geopfert werden kann!

Weil nun die Verwirklichung telisch ist, können wir mit mehr als nur einer konflikthaften Angelegenheit zugleich konfrontiert werden, von denen keine notwendig ist. Daher müssen wir eine Auswahl treffen.

Die meisten Dinge in dieser Welt haben eine Essenz – eine Natur, einen Plan, nach dem wir unser Leben ausrichten, ein “Programm”, nach dem wir arbeiten. Felsbrocken sind, was sie sind. Tische sind zu bestimmten Zwecken erdacht. Waldmurmeltiere sind von Instinkten sowie Konditionierung geleitet. Eine Karriereberatung brauchen sie nicht. Menschen haben keine derartige Essenz. Oder treffender ausgedrückt, Menschen erschaffen im Laufe eines Lebens ihre eigene Essenz. Oder wir könnten sagen, dass ihre “Essenz” daraus besteht, frei von “Essenzen” zu sein.

Wir sind nicht wirklich frei in dem Sinne, dass wir alles bekommen, was wir möchten (wir können nicht einfach so fliegen). Wir können nur frei wählen, was wir möchten (zu fliegen versuchen oder eben nicht). Wir wählen auch aus, welche Bedeutung wir den Dingen zuschreiben. Wir wählen unsere Einstellung den Dingen gegenüber. Wenn wir erst den Willen haben, etwas zu tun, geht es über unseren Willen hinaus und wird zum Subjekt derselben Naturgesetze, die auch alles andere ändern. Unsere Freiheit ist in Determinismus eingebettet. Damit sind wir (bedeutend) begrenzt im Hinblick auf unsere Macht.

Wir wählen auf der Grundlage unseres Verständnisses (der Situation, der Welt allgemein, von uns selbst und der Natur der Verwirklichung). Leider ist dieses Verständnis immer unvollständig. Und somit ist auch unser Verstehen (bedeutend) begrenzt.

Dennoch müssen wir handeln und folglich wählen. Auch nicht zu wählen oder nicht zu handeln, ist in sich bereits eine Auswahl und eine Handlung. Somit müssen wir trotz unserer Machtlosigkeit und Unwissenheit auswählen und handeln. Doch der Kummer, der aus konflikthaften Auswahlmöglichkeiten hervorgeht, – die Schwierigkeiten der Freiheit – kann dazu führen, dass wir das Auswählen so weit wie möglich vermeiden, indem wir uns auf autoritäre Sozialstrukturen einlassen, auf Massenkulturen oder zwanghafte Persönlichkeitsstrukturen (die wir später noch diskutieren werden).

Es gibt endlos viele Beispiele solcher Konflikte: Was jetzt für mich gut zu sein scheint, mag auf Dauer gesehen nicht mehr gut sein; was aus einer bestimmten Perspektive betrachtet gut für mich sein kann, kann aus einer anderen Perspektive nicht gut sein; was biologisch gut für mich ist, kann psychologisch weniger gut sein und umgekehrt; was für mich gut ist, kann für Sie nicht gut sein und damit wiederum nicht gut für mich; was für Sie gut ist (und damit auch für mich), mag für jemand anderen (und damit auch für mich) nicht gut sein; und so weiter.

Es kann sogar vorkommen, dass wir mit der Entscheidung konfrontiert sind, die antizipierte Degeneration des Selbst (Körper oder Geist) aufgrund einer Krankheit zuzulassen und unserem Leben freiwillig ein Ende setzen. Wir können zu der Auffassung gelangen, dass “innehalten” der Selbstverwirklichung näher kommt, als kontinuierliche schmerzhafte “Rückzüge”.

Und obwohl meine speziellen Wünsche letztlich nur dem Wunsch folgen, mein Selbst zu erhalten und zu verbessern, lebe ich dennoch mit der Gewissheit, dass ich trotz all meiner Bemühungen sterben werde. Meine Existenz ist (wesentlich!) begrenzt.

Im negativen Sinne, bin ich motiviert, alles zu vermeiden, was meine Aufmerksamkeit auf diese ultimative Barriere der Selbstverwirklichung lenkt, d.h. der Tod anderer, meine eigene und die Krankheit anderer, Leiden, physische, soziale und geistige Erkrankungen, sogar Schmutz und Verfall, alles, was nur auf Degeneration hinweist. Der Kummer, der aus derartigen Dingen hervorgeht, kann durch das Bewusstsein meiner eigenen Sterblichkeit intensiviert werden.

Im positiven Sinne bin ich bemüht, einen Weg zu finden, den Tod zu transzendieren (wie ich auch versuche, all meine Begrenzungen zu transzendieren), indem ich Kinder aufziehe und erziehe, indem ich andere liebe, mich mit einer Gemeinschaft identifiziere, oder durch Kunst, Erfindung, Kreativität im Allgemeinen sowie durch Philosophie.
Indem wir unser Verständnis des Selbst verändern, ändern wir auch die Relevanz des Todes zum Selbst. Ob dies wirklich Transzendenz oder letztlich nur eine defensive Lüge ist, ist wiederum eine Frage der Perspektive.

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Theorie der Perspektiven: 1.2 Selbstverwirklichung, URL: http://www.social-psychology.de/sp/tdp/12-selbstverwirklichung

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