1.3 Konstruierte Realitäten

Bevor sie wahrgenommen wird, ist die Welt eine unendliche Sammlung von Qualitäten. Es obliegt dem Wahrnehmenden, diese Qualitäten voneinander zu unterscheiden. Dieser Differenzierungsprozess wird von Verlangen getrieben (Relevanz, Bedürfnis, Bedeutung …). Ich weise darauf hin, dass der Wahrnehmende nicht die Realität an sich “konstruiert”; vielmehr konstruiert er ein Verständnis der Realität, ein Modell oder eine Theorie, die Wahrnehmung und Verhalten leitet. Die Realität alleine bestimmt auch nicht die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen, sondern vielmehr die Realität, wie sie “durch” unser Verstehen erfahren wird.

Wir gehen davon aus, dass Tiere in einer wahrgenommenen Realität leben, die nur durch Instinkt und individuelle Erfahrung vermittelt wird. Die Differenzierungen, die sie haben oder entwickeln, bleiben nah an den natürlichen “Fehlerlinien” nicht-wahrgenommener Realität, d.h. was ein Tier sieht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ähnlich dem, was ein anderes Tier der Spezies mit derselben Erfahrung wahrnimmt. Diese nicht-konstruierte unmittelbare Realität ist auch das, was Kleinkinder erleben – etwas, das wir alle ab und zu erleben, wenn wir vollkommen in etwas vertieft sind.

Erwachsene hingegen sind einerseits meist Wesen der Symbole, der Sprache und Kultur. Wir haben zwar Instinkte und sicherlich auch unsere eigenen einzigartigen Erfahrungen, doch wir lernen auch von den Erfahrungen anderer (oder sogar dem Spleen anderer), die durch Sprache und andere Symbole, Artefakte und Techniken mitgeteilt werden.

Lassen Sie uns zusammenfassen: Bilder sind Antizipationen, die vorübergehend von ihren Referenten in der wirklichen Welt losgelöst sind – Wahrnehmungen ohne ihre Objekte. Wenn wir uns Dinge vorstellen (phantasieren, denken …), nutzen wir diese “lockeren” Antizipationen, als wären sie real. Wir erleben die gleichen Probleme und Problemlösungen mit dem gleichen Kummer und dem gleichen Vergnügen, das wir auch in der vollen Interaktion mit der Welt erleben.

Symbole sind Ereignisse, die an Bilder gekoppelt werden. Diese Symbole erlauben es uns, Bilder (und Fantasien und Gedanken …) in Form des Sprechens und Schreibens, in Form von Kunst und so weiter außerhalb unseres Geistes zu “projizieren”. Dann können wir unsere mentalen Bilder anderen mitteilen, die unsere Symbole teilen.

Diese Symbole selbst können in unserem Geist als Bilder gespeichert werden, so dass wir sie manipulieren können wie andere Bilder. Nun sind wir quasi gleich dreifach von der unmittelbaren Erfahrung entfernt! Das ist es, was meist als Gedanken im striktesten Sinne bezeichnet wird, d.h. die internale Manipulation von Symbolen.

Wenn Regeln zur Manipulation von Symbolen mit einem anderen Satz von Symbolen kombiniert werden, haben wir eine Sprache. Wir kommunizieren in dem Maße, wie wir diese Symbole und Regeln teilen, letztlich bedeutet das, dass wir Differenzierungen teilen. Das ist die Essenz von Kultur: geteilte Differenzierungen – geteiltes Verständnis der Realität – wie sie in gemeinsamen Symbolen reflektiert werden.

Diese Fähigkeit beschert uns einen riesigen Vorteil: Ein Individuum muss nicht all das entdecken, was andere zuvor bereits herausgefunden haben. Zusätzlich können bei sozialen Geschöpfen (die die Gegenwart anderer nicht nur genießen, sondern sogar benötigen) die sehr realen und unmittelbaren Bedürfnisse anderer effizient mitgeteilt werden, statt dass man sie nur vage erahnen oder erraten müsste. Des weiteren sind Worte (und Symbole generell) nicht in der Weise an die Realität gebunden wie antizipierte Bilder. Sie können manipuliert, verschoben und rekombiniert werden…. Sie sind unser mächtigstes Handwerkszeug im Bezug auf Kreativität.

Doch es gibt hier auch eine negative Seite: Da Worte und Symbole von der Realität relativ unabhängig sind, können sie leicht ein Eigenleben entwickeln. Differenzierungen und komplexe Systeme von Differenzierungen, die früher einmal eine Bedeutung gehabt haben können (oder auch nicht), werden dem sich entwickelnden Kind mitgeteilt, als ob sie direkt eine Realität repräsentierten. Ich bezeichne dies als konstruierte Realität, da sie aus einer Realität jenseits der Wahrnehmung erzeugt, statt aus Erfahrungen “gewachsen” ist. Wir könnten sagen, es handelt sich um Fiktion oder einen Mythos, sie kann hilfreicher oder destruktiver Natur sein.

Die wichtigste konstruierte Realität ist die soziale Realität selbst. Wir erschaffen diese soziale Realität aus dem Stoff, den wir von unserer Kultur erhalten, durch Eltern, Lehrer, Peers, Medien etc. Die soziale Realität jedes Individuums ist anders, und doch sind unsere sozialen Realitäten ähnlich und bestätigen sich gegenseitig bis zu dem Grad, dass wir gemeinsame kulturelle Traditionen haben, was bedeutet, dass wir symbolische Differenzierungen teilen. Wenn wir nun soziokulturelle Traditionen teilen, sind wir quasi alle “aus demselben Holz geschnitzt”.

Diese sozialen Realitäten sind Fiktionen, die sich über Generationen hinweg gesellschaftlich entwickelt haben, weil sie das glatte Funktionieren der Gesellschaft unterstützen. Sie überleben auf dieselbe Weise, wie auch physische Charakteristika und Instinkte überleben, und auch aus denselben Gründen. Wir könnten sogar von kulturellen Genen sprechen, wie manche es auch getan haben. Und doch handelt es sich um Fiktionen, erschaffen, nicht “geboren” und nur lose an die tiefere Realität gebunden. So lange sie eher hilfreich und nicht etwa hinderlich sind, und sich der tieferen Realität nicht zu oft annähern, können sie überleben und blühen!

Leider neigen wir dazu, diese Strukturen zu bestätigen, ihnen ein Eigenleben zuzugestehen. Wir können sie sogar als realer betrachten, als die Erfahrungen, die sie repräsentieren. Sie können auch wie Straßensperren für zukünftige Verwirklichung wirken, statt als Hilfe. Sie können dazu verwendet werden, die Realität zu erklären, statt zur praktischen Kommunikation zu dienen. E = mc2 wird so zum Gesetz des Universums statt eine abgekürzte Beschreibung eines sich wiederholenden Musters. “Gott” wird zu einer allmächtigen Einheit jenseits und hinter der Welt, die zu erklären er erfunden wurde. Ein Mensch ist neurotisch, introvertiert, ein sich selbst verwirklichender Mensch, etc., statt bekümmert, zurückhaltend oder kreativ. Und so weiter und so weiter.

Dies alles führt uns zu einer sehr starken Schlussfolgerung: Zumeist sind Religionen Fiktionen; Regierungen sind Fiktionen; Ökonomien sind Fiktionen; Philosophien sind Fiktionen; Wissenschaften sind Fiktionen; Künste sind Fiktionen; Gesellschaften sind Fiktionen; all diese “ismen” – Kapitalismus, Sozialismus, Rassismus, Humanismus, Sexismus, Feminismus… sind Fiktionen.

Es sind Worte mit wenigen Referenten. Eine erwachsene, intelligente Person kann mit diesen Worten umgehen und sie als Annehmlichkeiten zur Kommunikation verwenden. Leider können die meisten Menschen das nicht.

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Theorie der Perspektiven: 1.3 Konstruierte Realitäten, URL: http://www.social-psychology.de/sp/tdp/13-konstruierte-realitaeten

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