
2.1 Konventionalität
In der Menschheitsgeschichte hat sich die große Mehrheit der Menschen einfach und umfassend in die soziale Realität “eingekauft”. Insoweit als jede ethnische Gruppe weitgehend isoliert war, ist die soziale Realität die einzige Realität gewesen, die die Menschen kannten, und sie diente ihren Zwecken sehr gut. Bei größeren traditionellen Gesellschaften war es ähnlich: Wohin man auch sah, trafen oft dieselben Standards zu. Nur in den Randgebieten der Gesellschaft gab es Menschen, die anderen Regeln folgten, und man konnte effektiv mit ihnen umgehen, indem man sie als Barbaren bezeichnete – als Schwätzer, die nicht wussten, was recht ist – oder indem man sie gar nicht erst als Menschen wahrnahm.
In unserer eigenen Gesellschaft ist es zusehends schwieriger geworden, diese Fiktion aufrecht zu erhalten. Wir reisen und kommunizieren rund um die Welt. Auch in unseren Städten gibt es Menschen, die anders sind, doch wir betrachten sie trotzdem als Menschen und nicht als “Schwätzer”. Dennoch können die reichen und komplexen Realitäten, mit denen wir aufgewachsen sind, nicht so einfach aufgegeben werden, nicht einmal angesichts dieser Beweise. Wir verteidigen unsere Annahmen, indem wir für gewöhnlich die Konventionalitäten unserer sozialen Realitäten noch mehr betonen. Wir nehmen es mit den Regeln sehr genau. Wir werden konventionell.
Auf den ersten Blick mag eine derart konventionelle Person, die sich so intensiv um soziale Formen bemüht, moralischer erscheinen als die meisten, jemand mit einem gut entwickelten Über-Ich. Doch im Grunde geht es dieser Person nur um die Form, nicht um die Menschen, ihre Schmerzen und Sorgen. Wirkliches Mitgefühl ist, wenn man im Gesicht des anderen nichts als seine oder ihre Menschlichkeit sieht. Die konventionelle Person sieht nur soziale Pflichten.
Zitation
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