2.2 Neurose

Manchmal, wenn die Menschen sich der Gegenstandslosigkeit sozialer Realität erstmals bewusst werden, geraten sie in Panik. Wenn man in der sozialen Realität nach Bedeutung sucht, ist es, als suche man den Kern einer Zwiebel: man schält und schält, und findet nichts! Diese Panik bezeichne ich als neurotische Angst, sie tritt auf, wann immer die soziale Realität bedroht ist.

Jemand, der an einer Sozialphobie leidet, fürchtet zum Beispiel, dass er oder sie die Standards der Gesellschaft nicht erfüllen, den Erwartungen anderer nicht gerecht werden kann. Eine gesunde Person wird nach erlebten Peinlichkeiten einfach weitermachen. Doch für Neurotiker gibt es jenseits der sozialen Formen keine Existenz, er fürchtet den Verlust der gesamten Realität.

Diese Furcht vor “nichts” findet man auch in unserer Furcht vor Krankheit und Tod sowie in den Befürchtungen, die entlang der ungenauen Grenzen, zwischen dem, was lebt und dem, was nicht lebt, entstehen, wie zum Beispiel die Furcht vor Insekten, Schlangen, den Toten, mechanischen Geräten und so weiter.

Einige Beispiele neurotischen Verhaltens – Obsessionen, Zwänge, Amnesien und Konversionserkrankungen – sind am besten als die letzten Bemühungen einer konventionellen Person zu verstehen, die neurotische Angst im Zaum zu halten. Diese Symptome sind Auswüchse der rigiden Strukturen des Perfektionisten und der Hingabe eines Autoritären an Regeln und Sanktionen, wenn diese Konstruktionen bedroht sind.

Wir können die neurotische Angst auch zur Erklärung von Depression heranziehen: Hier erlebt die Person eine emotionale Erschöpfung, die daraus resultiert, dass fortgesetzt um die Erhaltung der eigenen sozialen Realität im direkten Konflikt mit der eigenen Erfahrung gekämpft worden war. Statt sinnlos zu versuchen, sich an die sozialen Normen anzupassen, wäre es für diese Person hilfreicher, wenn sie endlich das tun würde, was ihre Erfahrung ihr sagt, denn dies ist weit näher an der Realität, als die Gesellschaft. Natürlich wird die Gesellschaft sich gegen sie wenden, wenn sie es versucht – es gibt also Schwierigkeiten! Und doch dämmert ihr die Gewissheit, dass die soziale Realität illusorisch ist, daraus kann man wiederum im Bezug auf depressive Menschen einigen Optimismus ziehen!

Im Grunde ist das Leben mehr wie ein Pfirsich, statt wie eine Zwiebel: Es hat einen harten Kern. Dieser Kern ist die Wirklichkeit unmittelbarer individueller Erfahrung. Und obwohl diese Wirklichkeit nur einen kleinen Ausschnitt der ultimativen oder totalen Realität darstellt, ist sie keine Fiktion, sondern ein Stück der Wahrheit. Der Sonnenaufgang etwa, die Zahnschmerzen, die Berührung des geliebten Menschen, die Furcht und die Wut, die Traurigkeit und die Freude. Das ist das Leben hier und jetzt. Das Leben abseits der Worte. Es ist auch der Grund, warum die meisten mystischen Traditionen betonen, dass Worte Sie nur von der Wahrheit entfernen!

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Theorie der Perspektiven: 2.2 Neurose, URL: http://www.social-psychology.de/sp/tdp/22-neurose

angrenzende Kapitel:
|

© 1998-2008 Dr. C. George Boeree. All rights reserved.
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.