
2.3 Psychose
Manche Menschen erleben etwas, das ihre soziale Realität vollständig “zerbrechen” lässt. Wenn man bedeutende Ressourcen hat – Intelligenz, hilfreiche Erziehung, Selbstvertrauen oder was auch immer – können derartige Erfahrungen eine Erleuchtung sein. Für Menschen mit wenigen Ressourcen – also Menschen, deren Weltverständnis nicht gut entwickelt ist – kann sich eine solche Erfahrung destruktiv auf ihre psychologische Integrität auswirken. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als nach allem zu greifen, was ihnen im Fluss der Ereignisse einen Halt gibt: kleine Schnipsel persönlicher Erfahrung, sozialer Realität und Fantasie werden zusammengesetzt und als Substitut für wirkliches Verstehen verwendet. Das ist Psychose: in einer zweiten Art konstruierter Realität zu leben, die ich als idiosynkratische Realität bezeichne.
Jemand mit einer Psychose lebt in einer Welt der Worte und Ideen, die, anders als bei konventionellen und neurotischen Menschen, nicht wirklich gut mit der Erfahrung zusammenpasst. Anders als konventionelle oder neurotische Menschen aber hat ein psychotischer Mensch keine Gemeinschaft Gleichgesinnter zur Verfügung, die ihn ermutigten, wenn diese Fiktionen bedroht sind. Er oder sie ist völlig allein und wird durch die Angst vor Leere weiter in dieser Einsamkeit gehalten.
Ich weise darauf hin, dass wir alle unsere idiosynkratischen Wirklichkeiten haben: Jeder von uns hat eine andere Version sozialer Realität. Jeder von uns hat Erfahrungen gemacht, die uns nicht wirklich zur Realität führen, und doch haben sie eine solche Wirkung auf uns, dass wir sie nicht einfach verwerfen können, wie es bei Kindheitstraumen vorkommen kann. Die meisten von uns aber sind sich in gewissen Maße bewusst, inwiefern wir uns von anderen unterscheiden, entweder stempeln wir diese Unterschiede als unsere psychologischen Mängel ab oder als besondere Tugenden, während wir eine essentielle Kommunikation mit anderen Menschen aufrecht erhalten, die einen Großteil unserer sozialen Realität teilen. Ein psychotischer Mensch hat dies aufgegeben.
Inzwischen ist deutlich geworden, dass zumindest ein Aspekt geistiger Gesundheit darin besteht, dass wir die soziale Realität (ebenso wie die idiosynkratische Realität) als das sehen, was sie ist, so mit ihr umgehen, wie es angebracht ist, und dennoch in engem Kontakt mit der unmittelbaren (nicht konstruierten) Realität bleiben. Nicht konventionell, ist ein geistig gesunder Mensch über die neurotische Angst hinausgelangt, ohne in die tieferen Illusionen der idiosynkratischen konstruierten Realität der Psychose zu fallen.
Zitation
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