
3.1 Bewusstsein
Drei Charaktereigenschaften helfen uns bei der Verwirklichung: Bewusstsein, Freiheit und Mitgefühl.
Bewusstsein
Damit meine ich nicht nur das Bewusstsein an sich, sondern eine besondere Kapazität für umfassendes Bewusstsein, offen zu sein für alles Verfügbare und fähig, das Unmittelbare vom Konstruierten zu unterscheiden. Bewusstsein zu haben, bedeutet nicht, soziale oder persönliche Konstruktionen oder die Verwendung von Symbolen oder Worten zu meiden – sondern diese Dinge als das zu sehen, was sie wirklich sind, und angemessenen Gebrauch davon zu machen. Umgekehrt bedeutet Bewusstsein, eine besondere Kapazität für das umfassende und klare Erfahren unmittelbarer Realität.
Bewusstsein bedeutet auch Gegenwart, also “in-der-Gegenwart-Sein”, die Fähigkeit, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, sowie die Vergangenheit zu verstehen, ob in Form von Erinnerungen oder Informationen zweiter Hand. Des weiteren bedeutet es, die Zukunft in Form von Hoffnungen und Absichten zu verstehen, Zukunft als eine von der Gegenwart verschiedene Qualität zu sehen. Das bedeutet wiederum nicht, dass die mit Bewusstsein ausgestattete Person Erinnerungen meiden, Verantwortungen verweigern, Fantasien unterdrücken müsste und so fort. Vielmehr muss sie sich der Vergangenheit und der Zukunft als solchen bewusst sein, doch ohne sie mit der unmittelbaren Wirklichkeit zu vermischen.
Bewusstsein bedeutet auch, sich sowohl der “objektiven” als auch der “subjektiven” Seite der Dinge bewusst zu sein, im Hinblick auf die Welt und das Selbst. Es bedeutet, sich seiner Empfindungen, Bedürfnisse, Werte, Einstellungen und Wünsche bewusst zu sein. Menschen, die viel auf ihren “Realismus” und ihre “Logik” halten, gehen oft davon aus, andere Menschen hätten Schwierigkeiten, das Wirkliche zu erkennen, und in manchen Fällen mag das zutreffen. Doch logische und realistische Menschen neigen dazu, den Wert internaler – d.h. “nicht-objektiver” – Ereignisse schlecht zu machen. Folglich sind sie sich nicht über den Wert der Dinge im Klaren, denn alles, dessen wir uns bewusst sind, hat im Grunde per definitionem einen (positiven oder negativen) Wert.
Alle von uns haben bereits diese unmittelbare Wirklichkeit erfahren. Wir tun dies jeden Tag, wenn auch nur flüchtig. Als wir noch Kleinkinder waren, geschah dies umfassenderer, da wir damals noch keine Schichten konstruierter Wirklichkeit hatten. Als Kinder und Erwachsene erfahren wir noch immer die unmittelbare Wirklichkeit, während wir vollkommen in eine Tätigkeit versunken sind. Wenn Kinder zum Beispiel malen und ihre Zungenspitze aus dem Mundwinkel hervorschaut, dann befinden sie sich im unmittelbaren Bewusstsein. Ähnlich ist es bei Menschen, die sich in die Musik vertiefen, ins Musizieren, in das Fliegen eines Flugzeugs, ins Bergsteigen, ins Spielen oder in einen guten Film, ein gutes Buch, in ein Stück handwerklichen Könnens, in die Liebe und so weiter und so weiter. Ein bewusster Mensch findet sich öfter in diesen Zuständen wieder als andere, und versucht sogar, in diese Zustände zu gelangen!
Es gibt Techniken, die uns dabei helfen, Bewusstsein herzustellen. Eine ist die Meditation. Es gibt unzählige Meditationsformen, doch eine ist ein hervorragendes Beispiel für das, was ich hier zu erläutern habe, nämlich die Mindfulness, wie sie von buddhistischen Mönchen und Nonnen praktiziert wird. Bei der Mindfulness Meditation bemüht man sich, jedes Ereignis, ob internal oder external, “schlicht” zu erleben, ohne jegliche Bindung dazu aufzunehmen, d.h. ohne die Haltung zu verlieren, dass man darauf vorbereitet ist, jedes Ereignis ohne Bindung zu erfahren! Mit anderen Worten hören Sie den Wasserhahn tropfen, oder die Uhr ticken, lassen jedem Geräusch seinen Moment, und dann lassen Sie es ins Nichts abdriften.
Desgleichen denken Sie einen Gedanken oder stellen sich Ihr Vorstellen vor, ohne darin völlig aufzugehen. Sie lassen einen Gedanken herein und wieder hinaus, Sie schauen nur dabei zu, wie er kommt und geht. Zu Beginn können Sie sich vorstellen, dass Sie eine ovale Oberfläche sind, auf der bestimmte Ereignisse stattfinden. Irgendwann verschwindet diese Oberfläche – und damit auch “Sie”. Dies ist vielleicht die Schlüsseleigenschaft unmittelbarer Erfahrung: die Abwesenheit von “Selbst-Bewusstsein”. Der Fokus liegt auf der Erfahrung, nicht dem Erfahrenden.
Eine weitere Technik zur Erhöhung des Bewusstseins ist die phänomenologische Beschreibung. Während man umfassend und akkurat zu beschreiben versucht, was “da” ist, egal ob es sich um ein physisches Ereignis oder einen Geisteszustand handelt, und dabei auf jeglichen Kommentar oder Erklärungsversuche verzichtet, lernt man, klarer zu “sehen”.
Ich gehe davon aus, dass die Menschen am dringendsten von der Dominanz ihrer sozialen Konstruktionen befreit werden müssen, was nur dadurch geschehen kann, dass sie lernen, diese Konstruktionen als das zu betrachten, was sie sind. Am besten geht das, indem man soziale Konstruktionen – oder idiosynkratische Konstruktionen – erfährt, die von den eigenen verschieden sind. Die Erfahrungen mit anderen Kulturen und einzigartigen Individuen, wenn auch nur in Form von Kunst und Literatur, zwingen uns dazu, die eigenen Annahmen zu überdenken: Sind sie was sie sind, oder sind sie das Ergebnis unserer Konstruktionen?
Zitation
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