3.2 Freiheit

Das Vorhergehende führt uns zum nächsten Thema, zur Freiheit: Wenn man sich der Perspektiven bewusst wird, die von der eigenen verschieden sind, wird man von der eigenen Perspektive befreit. Sie sind nicht länger von Ihrer Perspektive limitiert, sie bestimmt Ihre Reaktionen nicht länger. Sie ist unerlässlich für unsere Befreiung von jeglichen Ursache-Wirkung- und Reiz-Reaktions-Mechanismen, egal wie hilfreich diese Mechanismen in der Vergangenheit gewesen sein mögen, und man wird frei, so viele Sichtweisen einer Situation zu erproben, wie man kann, um dann auszuwählen, was für uns das beste ist.

Freiheit ist im Grunde eine Frage der Nutzung unserer Ressourcen statt Diktaten zu folgen. Wir haben sehr viele Informationsquellen darüber, was für uns das beste ist, sehr viele Quellen von Wertvorstellungen: Unser genetisches Erbe teilt uns durch Instinkt sowie durch die Konditionierung von Schmerz und Freude mit, was sich während der Äonen der Evolution ausgezahlt hat. Durch Sanktionen, Modelling und symbolisches Lernen teilt uns unsere Gesellschaft mit, was sich während unserer kulturellen Geschichte ausgezahlt hat. Verstand, Experiment und die Erstellung und Erprobung von Modellen korrigiert den Verlauf, der durch Instinkt und soziale Gewohnheiten vorgegeben wird. Das Bewusstsein der Perspektiven wiederum korrigiert und vervollständigt sie alle.

Die Freiheit hat ihre Wurzeln in der Imagination, die wiederum ihre Wurzeln im Traum hat. Imaginationsvermögen ist die Fähigkeit, eine Antizipation der Realität zu erstellen, wobei der Vergleich dieser Antizipation mit der Realität ferngehalten wird. Der Traum ist das natürliche Beispiel. Doch manchmal sehen wir etwas voraus, und die Welt entspricht dieser Antizipation nicht. Für einen sehr kurzen Moment hängt die Antizipation als Bild vor uns. Wir können etwas sehen, das nicht wirklich geschehen ist!

Später lernen wir, diese Bilder absichtlich zu erzeugen und zu erhalten. Wir lernen, etwas zu erwarten – an einer Antizipation über längeren Zeitraum hinweg festzuhalten – wie wir zum Beispiel nach dem Essen ein Dessert erwarten oder ein Diplom am Ende des Studiums. Wir können diese Erfahrungen zu manipulieren lernen, ohne uns darum zu kümmern, wie gut oder schlecht sie dann mit unserer Realität übereinstimmen werden. Wir lernen zu negieren, uns absichtlich das Gegenteil von dem vorzustellen, was wir eigentlich erwarten. Wir phantasieren und handeln so, dass diese Fantasien Wirklichkeit werden, damit erschaffen wir eine Welt, die unseren Erwartungen folgt, statt dass unsere Erwartungen immer nur der Welt folgen.

All dies unter der Voraussetzung, dass wir nicht in unseren Fiktionen versunken bleiben, sondern sie dazu verwenden, unsere Verwirklichung voranzutreiben! Paradoxer Weise ist genau das Talent, das uns befreien kann, dasselbe, das uns auch an die soziale Realität bindet.

Wir sehen, dass obwohl in jedem von uns das Potential zur Freiheit angelegt ist, die Umsetzung der Freiheit enorm vom Lernen abhängt. Kindern muss die Möglichkeit zur Imagination gegeben werden, um negativ (sogar konträr) sein zu können, damit sie ihre eigenen Ziele und Entscheidungen erschaffen und ihnen gemäß handeln können. Soviel scheint klar.

Doch sie müssen auch “Willenskraft” oder Selbstdisziplin lernen, die Fähigkeit, zu warten, Belohnungen aufzuschieben. Sie müssen lernen, innezuhalten, für einen Moment ihre Teilhabe am Strom der Ereignisse zu unterbrechen, um ihre Erwartungen zu überdenken. Diese Pause befreit uns von der Kausalität.

Die Wurzel der Freiheit ist das antizipierte Bild, eingefroren in der Pause, gehalten in der Vorstellung. Es ist auch die Wurzel der Absicht. Es ist der Weg, wie Ziele, Projekte und Schlüsse erzeugt werden. Und wenn jemand auf ein projiziertes Ende hinarbeitet, kann man abseits des Selbst und der gegenwärtigen Zeit sagen, dass man frei ist, sich aller verfügbaren und akzeptablen Mittel bedienen. Wir werden nicht länger von Trieben oder biologischen oder sozialen Bedürfnissen geschoben. Die Notwendigkeit ist verschwunden.

Doch wir sind nicht frei, alles zu tun, was uns in den Sinn kommt. Wir könnten uns vorstellen, dass wir fliegen können, und wir können frei wählen, es zu versuchen. Versuchen wir es aber, indem wir mit den Armen flattern, werden wir versagen. Es gibt sogar Situationen, in denen wir nicht einmal mit den Armen flattern können, wenn wir es wollen!

Aber dies ist keine Kritik der Freiheit, sondern nur ihrer Universalität. Im Grunde macht die Freiheit gar keinen Sinn, wenn sie nicht in Kausalität eingebettet ist. Kausalität sowie andere Qualitäten der physischen Realität erlaubten es den Wright Brüdern, ihren Traum vom Fliegen zu verwirklichen, und sie erlauben es, dass jedes Ziel umgesetzt werden kann. Ich sage auch nicht, dass Menschen beliebig oder chaotisch sind, nur, dass wir nicht völlig vorbestimmt sind. Ich sage, dass wir im Bezug auf die Abfolge von Ereignissen eine dritte Qualität enthalten: Wir sind kreativ, und das primäre Produkt unserer Kreativität sind wir selbst.

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Theorie der Perspektiven: 3.2 Freiheit, URL: http://www.social-psychology.de/sp/tdp/32-freiheit

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