
3.3 Mitgefühl
Wir sind also Geschöpfe, die zumindest ideell sowohl bewusst als auch frei sind. Das klingt einfach. Die meisten Menschen geben sich sehr viel Mühe, sowohl Bewusstsein als auch Freiheit zu vermeiden, weil diese Qualitäten ein großes Maß an Schmerz und Angst verursachen. Als vorausschauende Geschöpfe erkennen wir, dass wir sehr wenig wissen, auf das wir unsere Entscheidungen gründen können, und die meiste Zeit sind wir machtlos in dem Bemühen, unseren Entscheidungen gemäß zu handeln oder sie umzusetzen.
Und wir stellen fest, dass unser Bewusstsein, unsere Freiheit und unsere Selbstverwirklichung letztlich zunichte gemacht werden: Wir sterben. Als Geschöpfe, die auf Ziele hinarbeiten und für Ziele leben, suchen wir nach dem großen Sinn unseres Lebens. Wir können klar erkennen, dass es unser Ziel ist, das Selbst zu erhalten und zu verbessern. Doch auf lange Sicht, ist das Selbst ein eher schlechter Tipp.
Die Lösung des Dilemmas liegt darin, die Selbstverwirklichung zu überdenken: Was ist es, das wir zu bewahren und zu erweitern versuchen? Das Selbst im Sinne meines persönlichen bewussten Ego? Oder das Selbst im Sinne dieses spezifischen Körpers? Oder das Selbst im Sinne eines spezifischen Satzes von Erinnerungen oder Bestrebungen? Bei einigem Nachdenken wird klar, dass diese vielleicht unsere unmittelbaren Anliegen sind, aber nicht die größten.
Unserer biologischen Natur geht es zum Beispiel um das Überleben unserer DNA-Schnipsel. Unsere soziale Seite ist hingegen daran interessiert, dass gewisse kulturelle Muster weitergegeben werden. Und diese arbeiten oft so machtvoll in uns, dass wir unsere individuelle Existenz für unsere DNA oder unsere Gesellschaft opfern, oder, um es warmherziger auszudrücken, für unsere Verwandten und Nachbarn.
Doch “Pflicht”, ob biologisch oder sozial, ist auch nicht genug. Wir glauben, dass etwas wichtiges überlebt, wenn wir etwas für andere opfern: Selbst wenn wir unser Opfer nicht physisch überleben, gibt es den Gedanken, dass das, was wir wirklich sind – die Bedeutung unserer Existenz, unsere eigentliche Essenz – überlebt, und dass dies ohne unser Opfer nicht überleben würde. Wir glauben, dass wir weniger Wert wären, wenn wir uns entschieden, unser Mitgefühl nicht zu zeigen.
Ironischerweise kann die die Essenz einer Person, die auf abstrakte Weise niemals mitgeteilt werden könnte, egal wie viele Worte zur Verfügung stünden, durch einen einfachen Akt der Freundlichkeit mitgeteilt werden.
Eines der kleinen Dilemmata des Lebens besteht darin, dass nur wir den Dingen Bedeutung verleihen können, folglich können auch nur wir selbst uns Bedeutung verleihen. Sich selbst Bedeutung zu verleihen, ist dennoch so, als arbeite man sich selbst hoch. Basiert diese Bedeutung auf unserem eigenen Sehnen, der eigenen Perspektivität, dann gibt es außerhalb unseres Selbst keine Bedeutung. Es ist purer Narzissmus, eine Art metaphysischer Masturbation – vielleicht vorübergehend befriedigend, doch nicht von langer Dauer.
Wir kommen aus diesem Dilemma heraus, wenn wir erkennen, dass der Sinn des eignen Lebens auch von jemand anderem gegeben werden kann. Darin besteht die große Motivation für einen Glauben an Gott. Doch ich glaube, dass auch wenn man an einen Gott glaubt, diese Erfahrung am tiefsten in der Zuneigung zwischen Menschen erfahren wird.
Simpler ausgedrückt, wenn Sie gebraucht werden, werden Sie geliebt, und wenn Sie geliebt werden, hat Ihr Leben einen Sinn. Dennoch ist dies nicht als passiver Vorgang misszuverstehen: Wir müssen ein großes Maß an Aufwand darauf verwenden, diese gegenseitige Bedeutung aufrecht zu erhalten. Um gebraucht zu werden, müssen Sie geben und immer weiter geben.
In ihrer Essenz ist Liebe das, was Sie empfinden, wenn Sie sich für die Verwirklichung eines anderen ebenso zuständig fühlen, wie für Ihre eigene. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass hier wirkliches Verantwortungsgefühl für die Verwirklichung eines anderen Menschen gemeint ist, kein künstliches Theater um das, was andere nach unserem Willen sein sollen. Vieles, wenn nicht sogar das meiste von dem, was als “Liebe” durchgeht, ist eigentlich eine Angelegenheit von Selbstbedienungs-Kontrolle, und nicht wirkliches Mitgefühl.
Mitgefühl hat seine Wurzeln in primitiver Empathie, der autistischen Neigung, die Bedürfnisse oder Schmerzen anderer als die eigenen zu erfahren. Wir beginnen das Leben als “Leben”, ohne den Grenzen und Dualitäten des späteren Lebens auch nur nahe zu kommen. Da ist der Schrei jedes Menschen mein Schrei, das Lachen jedes Menschen ist mein Lachen. Das fühlen wir noch immer, wenn wir einen Raum betreten, in dem Menschen Spaß haben und unsere eigene Stimmung sich sofort verbessert.
Leider ist dieses Mitgefühl eine eher fragile Angelegenheit. Wir vermeiden Schmerz und das aus gutem Grund. Folglich macht es Sinn, das primitive Flüstern zu ignorieren, dass uns Schmerzen erfahren ließe, die nicht einmal unsere eigenen sind. Empathie wird den Menschen häufig schon sehr früh in ihrem Leben ausgetrieben. Das Leben ist auch ohne schon hart genug.
Doch die Gesellschaft hat von diesen emphatischen Empfindungen guten Nutzen ziehen können und versucht sie häufig zu unterstützen. In glücklichen Familien mit gesunder Natur und fairen Mitteln, wird Empathie unterstützt und erweitert. Der Schlüssel liegt auf der Hand: Wenn Sie als Kind geliebt werden, stehen die Chancen gut, dass Sie später anderen gegenüber besser in der Lage sind, Liebe zu zeigen.
Bitte beachten Sie, wie sehr sich dieses Mitgefühl von Konventionalität unterscheidet, trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten. Eine konventionelle Person mag sich mitfühlend verhalten, doch sie folgt dabei nur den sozialen Regeln, die sie zu verletzen fürchtet. Obwohl Gesellschaften zu Mitgefühl ermutigen, können sie es dennoch nicht mittels sozialer Regeln erzwingen. Nicht einmal eine idealistische Ideologie (wie es der Marxismus zunächst zu sein schien) kann Mitgefühl erzeugen, genauso wenig kann man Moral per Gesetz erzwingen. Mitgefühl kann nur aus Freiheit hervorgehen. Mitgefühl zu erzwingen jedoch ermutigt ironischer Weise ehr Selbstsucht!
Es gibt noch einen Weg, wie das Mitgefühl in unsere vorangegangenen Diskussionen hineinpasst: Wir müssen uns daran erinnern, dass Freude aus der Bewegung weg von individuellem Bewusstsein hervorgeht, und dass wir unmittelbares Bewusstsein erleben, wenn wir uns so in etwas vertiefen, dass wir vorübergehend die Bindung an unser Ego verlieren. Die vielleicht verbreitetste und natürliche Form das, was man als nicht-selbst-Bewusstsein bezeichnen könnten, zu genießen, ist wenn wir unser individuelles Ego in unserer Liebe zu einem anderen Menschen verlieren, wie zum Beispiel wenn wir in die Augen der geliebten Person oder die eines Babys schauen.
Sie werden sich erinnern, dass die Welt der Qualität sowohl innerhalb als auch außerhalb spezifischer Perspektiven existiert. Wenn wir eine Angelegenheit teilen, wenn unsere Wünsche verschmelzen, dann teilen wir eine Perspektive. Wir teilen Bewusstsein, und zwar nicht in einer parapsychologischen Art und Weise, sondern schlicht und unmittelbar, wenn auch nur kurz. So müssen wir uns niemals alleine fühlen. Und jemand, der über eine hinreichende perspektivische Breite verfügt, mag sich sogar eins fühlen mit der Menschheit oder dem Leben, nicht als ein alleinig intellektueller Ausdruck, sondern als eine unmittelbar erfahrene Wahrheit.
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3.2 Freiheit « |
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