
3.4 über das Rationalistische hinaus
Sind wir erst über das Rationalistische hinaus gelangt, scheinen wir uns auf so etwas wie einem abfallenden Bogen wiederzufinden, wir entwickeln eine Vorliebe für Integration, die sogar ein Verlangen nach Problemen, Inkongruenzen, Paradoxa und Chaos umfassen kann, weil wir dies als Hilfsmittel für weitere persönliche Entwicklung begreifen. Während diese Menschen also weniger anfällig für Ängste sind, können sie dennoch Verwirrungen ausgesetzt sein! Zur Inspiration können wir einen Blick auf Maslows lange Liste der “Metapathologien” werfen, oder auf die Literatur zur Entfremdung.
Die Erkrankungsarten, die der mechanistischen Perspektive am nächsten liegen, gehen aus der mechanistischen Neigung hervor. Das Gefühl, dass nichts am Boden verhaftet ist, dass nichts, eingeschlossen meines Selbst, real ist, dass die gesamte Welt eine Art von Illusion ist – d.h. Depersonalisierung und Derealisierung – ist für diese Perspektive typisch. Ebenso die Auffassung, dass alles, was ich tue, bedeutungslos ist, dass nicht viel von dem, was ich tue, irgendeine Wirkung hat, und auch dass es kein Richtig und Falsch gibt. Wo alle Werte relativ sind, ist das vielleicht vordergründigste Symptom mechanistischen Kummers die Richtungslosigkeit.
Die kybernetische Perspektive kann an den selben Schwierigkeiten leiden, wie die mechanistische, obgleich sie weniger wahrscheinlich Schwierigkeiten mit den Komplexitäten des Lebens hat. Doch der “neutrale Monismus” der Informationen, der für die kybernetische Perspektive grundlegend ist, ist noch weiter von der Reichhaltigkeit unmittelbarer Erfahrung entfernt, als der Materialismus der mechanistischen Perspektive. Eine Klage, wie wir sie von einer kybernetischen Person erwarten können, ist eine Klage über die Leere und Leblosigkeit sowie das Verlangen, zu einer simpleren doch sinnlicheren Lebensform zurückzukehren. Glücklicherweise ist es wahrscheinlicher, dass eine kybernetische Person dank ihrer Kapazität für Komplexität, ihres Kontextgefühls und ihrer Kenntnis der Bedeutung des Betrachters sowie ihrer Akzeptanz eines kybernetischen Wertesystems von alleine in die epistemische Perspektive gelangt.
Die epistemische Person kann zumindest an einer Neurose oder Entfremdung leiden, am wahrscheinlichsten jedoch an Unentschlossenheit. Eine der wahrscheinlichsten Pathologien in diesem Stadium ist der Rückzug aus der Gesellschaft und eine Weigerung, etwas mit der Gesellschaft zu tun zu haben. Dass es sich dabei um eine Pathologie handelt, kann man daran erkennen, dass diese Eigenart anderen epistemischen Prinzipien zuwider läuft, zum Beispiel der Verantwortlichkeit gegenüber anderen.
Doch die Tatsache, dass eine epistemische Person davon ausgeht, dass es kein Ende gibt, läuft auch unserer grundlegenden konservativen Natur zuwider: Der Geist mit all seiner Antizipation und Adaption und Ausarbeitung des Wissens, wird dahin geführt, das “Universum zu verschlingen”, also zu einem wachsenden Verständnis der Realität. Um es gelinde auszudrücken, ist es paradox, dass man auf der epistemischen Ebene die Möglichkeit dieses Ideals aufgeben muss, um weiterhin das Bedürfnis, dieses Ideal zu erreichen, befriedigen zu können!
Glücklicherweise ist die epistemische Person bereits so nah an der letzten transzendentalen Perspektive, dass sie sich auch ohne die Einsichten, die das Transzendentale ausmachen, deren potentieller Existenz bewusst ist, somit wird diese Person eher als Personen anderer Ebenen von Problemen ermutigt statt entmutigt werden. Die Schwierigkeiten der epistemischen Perspektive liegen wahrscheinlicher in anderen Persönlichkeitsaspekten begründet, die auf anderen Ebenen fixiert wurden, nicht aber in der epistemischen Perspektive an sich.
Auf jeder Ebene über das Rationalistische hinaus, kann einer Person bei Schwierigkeiten am besten geholfen werden, wenn in der Therapie ihre Freiheit und Verantwortung betont werden, statt zu verlangen, dass Regeln oder Autoritäten Folge geleistet wird. Diese Menschen verfügen über gute Ressourcen – Verstand, experimentelle Gewohnheiten, die Analyse von Systemen, phänomenologische Beobachtung – die es ihnen ermöglichen, ihre Probleme auf ihre eigene Art zu lösen, wenn ihnen nur hinreichend Ermutigung und Unterstützung zukommen. Ich gehe davon aus, dass das “homework” nach Kellian für mechanistische Menschen besonders gut geeignet ist, für Kybernetiker mögen “Systemtherapien” angemessen sein, und Zugänge nach Rogers oder existentialistische Zugangsweisen können für Epistemiker gut sein, doch jeder dieser Vorschläge ist nicht mehr als ein Vorschlag.
Zusammenfassend kann man nun sagen, dass Pathologie hier als ein Stillstand auf einer Kurve epistemologischer Entwicklung betrachtet wird, ausgelöst durch ein Trauma oder eine chaotische Umgebung; Therapie wird demzufolge verstanden als eine Technik, die mit der aktuellen Perspektive des Klienten beginnt, den Klienten hinreichend schützt, unterstützt und ermutigt, so dass er oder sie sich den Problemen stellen und sie lösen kann, und sich letztlich eigenständig weiter entwickeln kann – bezogen auf ihre eigene Ausarbeitung und Selbstverwirklichung.
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