10 Hirnlappen

Der Frontallappen

Beginnend beim Sulcus centralis und von dort nach vorn gewandt finden wir zunächst den Motorcortex, welcher seine Signale in den Körper hinunter schickt, um die skelettale Muskulatur zu steuern.

Gleich vor dem Motorcortex liegt der prämotorische Cortex, dort arrangieren und üben wir Bewegungen, bevor wir sie ausführen. Das Broca-Zentrum für Sprachproduktion ist Teil des prämotorischen Cortex.

Und dann haben wir den präfrontalen Cortex, wo einige der interessantesten Vorgänge stattfinden. Einige sagen, dort liegen Willenskraft, unser Wirklichkeitsverständnis und unser Sinn für unsere eigene Persönlichkeit.

Einige wenige Bereiche des präfrontalen Cortex sind mindestens teilweise erforscht. Der dorsolaterale Bereich (oben und seitlich) scheint es uns zu ermöglichen, Gedanken im Bewusstsein zu halten, sie zu fokussieren und sie sogar zu manipulieren.

Der ventromediale Bereich (unten und nahe der Mittellinie) scheint an emotionaler Erfahrung beteiligt und versorgt uns mit dem Gefühl, dass die Dinge sinnvoll sind und Bedeutung haben. Niedrige Aktivitätslevel in diesem Bereich werden mit Depression in Zusammenhang gebracht. Nichts macht irgend einen Sinn. Hohe Aktivitätslevel hingegen werden mit Manie in Zusammenhang gebracht: Jede kleine Sache ist voller Bedeutung!

Der orbitale Bereich des präfrontalen Cortex (gleich oberhalb der Augen) teilt uns mit, wenn etwas falsch ist und wir uns ernstlich darum kümmern müssen. Er hat auch die Fähigkeit, unangemessene Verhaltensweisen zu hemmen, wie etwa solche, die uns schädigen würden oder gesellschaftlich inakzeptabel wären. Dies schließt die Fähigkeit ein, den Signalen für Aggression von der Amygdala im limbischen System entgegen zu wirken. Man nimmt an, dass viele gewaltbereite Kriminelle eine Schädigung dieses Hirnbereichs erlitten haben.

Der vorderste Teil des Präfrontallappens ist ein Bereich, der der Interpretation von Absichten und Motiven anderer Personen gewidmet ist. Autistische Menschen scheinen in diesem Bereich irgend eine Art von Defekt aufzuweisen.

Der Temporallappen

Dieser Lappen befindet sich an beiden Seiten des Kopfes unter den Schläfen. Der obere Teil des Temporallappens entlang der Fissura Sylvii, welche ihn vom Frontallappen abgrenzt, ist der primäre auditorische Cortex, der Input aus der Cochlea erhält. Die umgebenden Bereiche sind der Interpretation von Klang gewidmet, und ein Bereich im besonderen (das Wernicke-Areal, in Richtung der Grenze zum Parietallappen in der linken Hemisphäre) ist bekanntermaßen für das Sprachverständnis zuständig.

Ein weiterer Bereich wird als Gyrus fusiform bezeichnet, er befindet sich unten im Temporallappen nahe dem Okzipitallappen. In der linken Hemisphäre ist er für das Erkennen von Worten und Zahlen zuständig. In der rechten Hemisphäre ist er zuständig für die entscheidende menschliche Fähigkeit, Gesichter zu erkennen. Probleme in diesem Bereich führen zu einer Erkrankung namens Prosopagnosie (“Gesichtsblindheit”), die gesellschaftliches Leben sehr erschwert.

Es gibt mediale (innere) Bereiche des Temporallappens, die eng mit dem Hippocampus verbunden sind und scheinbar die Erinnerung an Lebensereignisse (episodisches Gedächtnis) steuern.
Eine sehr merkwürdige Funktion des Temporallappens ist etwas, das einige als “God spot“ bezeichnet haben. Reizungen in diesem Bereich verursachen intensive Gefühle von Freude und das Gefühl, einer höheren Macht oder einem höheren Wesen nahe zu sein, “eins mit dem Universum” zu sein. Einige Epilepsiepatienten empfinden kurz vor ihren Anfällen so, und man nimmt an, dass einige berühmte Heilige und andere religiöse Persönlichkeiten womöglich an ebensolchen Erkrankungen gelitten haben könnten (wenn man es denn so nennen möchte!).

Der Parietallappen

Der am weitesten vorne gelegene Bereich des Parietallappens, entlang der Zentralfurche nahe des Frontallappens, ist der somatosensorische Bereich, welcher Signale aus dem Körper sammelt. Gleich dahinter liegt das somatosensorische Assoziationsareal, welches jene körperlichen Empfindungen weiter analysiert. Besondere Bereiche sind darauf spezialisiert, uns im dreidimensionalen Raum zu orten und zu orientieren, sowie darauf, Dinge in der Außenwelt zu fokussieren.

Der Okzipitallappen

Der Okzipitallappen ist der kleinste Lappen und sitzt im ganz hinteren Bereich des Kopfes. Er zeigt keine klaren Begrenzungen und wird vornehmlich anhand der Funktion unterschieden, d.h. Sehvermögen. Die verschiedenen Teile des Okzipitallappens werden mit V (für visuell) gekennzeichnet, gefolgt von einer Nummer.

Der primäre visuelle Cortex am hinteren Ende des Okzipitallappens ist als V1 gekennzeichnet und erhält Input aus dem optischen Trakt. Er zeigt eine deutliche Karte visueller Informationen, die mit den Bereichen der Retina übereinstimmen. Das Sehzentrum ist stark vergrößert. Die einzelnen Neuronen in V1 sind extrem empfindlich für sehr spezielle Veränderungen des von den Augen eingehenden Inputs.

Wenn es eine Läsion irgendwo im Bereich V1 gibt, resultiert ein “Loch” in Ihrem Gesichtsfeld, das als Skotom bezeichnet wird. Merkwürdiger Weise scheinen einige Informationen aus diesem “Loch” noch verfügbar, so dass manche Menschen mit Skotom noch auf Reize reagieren, selbst wenn sie sie nicht bewusst wahrnehmen! Dies wird als Rindenblindheit [engl.: blindsight] bezeichnet.

V2 umgibt V1, zwischen beiden bestehen zahlreiche reziproke Verbindungen. Viele seiner Funktionen sind eine Wiederholung der Funktionen des V1, doch V2 stellt komplexere Merkmale fest, wie etwa Konturen und Figur und Grund.

V3, gleich oberhalb von V2 gelegen, erhält Input von V1 und V2. Dieser Bereich scheint auf Tiefe, Distanz und globale Bewegung spezialisiert.

V4 liegt unterhalb von V2. V4 ist von Aufmerksamkeitsprozessen betroffen und auf komplexere Wahrnehmung spezifischer Objekte spezialisiert.

V5 (auch als MT bezeichnet) liegt weiter vorn im Okzipitallappen und verarbeitet komplexe Bewegungen.

Es scheint im Okzipitallappen zwei Hauptbahnen für die Verarbeitung visueller Information zu geben. Es gibt einen “Wo-Strom“ von V1 nach V2 nach V3 und V5, der Position und Bewegung im Raum interpretiert. Und es gibt einen “Was-Strom“ von V1 nach V2 nach V4, welcher die Identität eines Objektes feststellt. Es gibt zusätzliche Bereiche, deren Funktionen noch nicht bekannt sind.

Der Gyrus cinguli

Der Gyrus cinguli sitzt unterhalb des übrigen zerebralen Cortex, oben neben dem Corpus callosum sowie teilweise tiefere Bereiche wie die Basalganglien, das limbische System und den Thalamus überlagernd. Viele Menschen betrachten ihn als den fünften Hirnlappen – andere sehen ihn als Teil der über ihm liegenden Lappen, insbesondere des Frontallappens. Er ist so eng mit dem limbischen System verbunden, dass er manchmal als limbischer Gyrus [engl.: limbic gyrus] bezeichnet wird. Eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, Ihre Aufmerksamkeit fokussiert zu halten. Wenn dieser Bereich nicht richtig funktioniert, wie es bei Schizophrenie der Fall zu sein scheint, sind Sie nicht in der Lage, echte Stimmen von imaginierten Stimmen zu unterscheiden.

Zitation

Boeree, C. George (13. März 2008): Allgemeine Psychologie: 10 Hirnlappen, URL: http://www.social-psychology.de/sp/ap/hirnlappen

angrenzende Kapitel:
|

© 2000-2008 Dr. C. George Boeree. All rights reserved.
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.