«Wenn du allein wärst, würdest du dich in zwei schneiden, damit der eine Teil den anderen formt.»
Elias Canetti
Kognitive Dissonanz
d.wieser, 31. Juli 07
[ Dissonanz – Misston, Unstimmigkeit;
Antonym: Konsonanz – (in der Musik:) harmomischer Gleichklang; Übereinstimmung ]
Das maßgeblich von Leon Festinger entwickelte Konzept bezieht sich auf das Verhältnis von Einstellungen und Verhalten und wurde von Festinger in seinem Buch A Theory of Cognitive Dissonance (1957) zu einer herausragenden sozialpsychologischen Theorie ausgebaut.
Menschen zeigen das Bemühen, Kognition, Einstellungen, Annahmen, Wahrnehmungen miteinander und mit ihrem individuellen Selbstbild in Einklang zu bringen – psychologische Harmonie herzustellen, so könnte man sagen. Entsteht Dissonanz, werden Menschen ihre Einstellungen, Annahmen etc. so ändern, dass ein stimmiges Gesamtgefüge entsteht, denn derartige Unstimmigkeiten werden als überaus unangenehm und belastend empfunden.
Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, kognitive Dissonanz zu “reparieren”, hier einige vereinfachende Beispiele, die in der relevanten Literatur zur Illustration heran gezogen werden:
Ein Raucher könnte beispielsweise Dissonanz empfinden, wenn er sich einerseits sagt, dass er das Rauchen genießt und andererseits weiß, dass Rauchen gesundheitsgefährdend ist. Gedankliche Methoden, die Dissonanz auszubalancieren, wären
- (I) das Rauchen aufzugeben, um die Gesundheitsbedrohung zu eliminieren,
- (II) das Rauchen als ungefährlich einstufen,
- (III) die Art des Rauchens so zu ändern versuchen, dass das Gesundheitsrisiko geringer ausfällt,
- (IV) die Gesundheitsgefährdung als unerheblich einstufen bzw. in Kauf nehmen […]
In jedem Fall würden innere Einstellungen und Verhalten neu aufeinander abgestimmt, um ein harmonischeres Verhältnis herzustellen.
In Laborexperimenten konnten Festinger und Carlsmith (1959) die innere Dynamik nachvollziehen, indem Probanden mit einer Aufgabe betraut wurden, die zu einem inneren Konflikt führte, welchen sie unweigerlich ausbalancieren mussten: Man übertrug ihnen eine sehr langweilige Aufgabe, anschließend sollten sie eine andere Person davon überzeugen, dass sie diese Aufgabe als sehr interessant empfunden hatten.
Eine Gruppe von Probanden erhielt einen Dollar, eine andere Gruppe zwanzig Dollar für ihre Mühe; nach Abschluss des Experiments wurden die Probanden präzise zu ihrer Einstellung der Aufgabe gegenüber befragt. Diejenigen, die nur einen Dollar erhalten hatten, bewerteten die Aufgabe nach dem Experiment positiver; die Probanden, die zwanzig Dollar erhalten hatten, änderten ihre Einstellung kaum.
Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass beide Gruppen von Probanden dieselbe Dissonanz erlebten, weil ihre eigentliche Einstellung der Aufgabe gegenüber nicht mit dem übereinstimmte, was sie einer zweiten Person darüber zu erzählen hatten – die Aufgabe war elend langweilig, und doch machten sie eine andere Person glauben, sie hätten die Angelegenheit als höchst interessant empfunden.
Diejenigen, die zwanzig Dollar erhalten hatten, konnten die Bezahlung als Rechtfertigung ihres Verhaltens nutzen, somit gab es einen guten Grund und ihr Handeln machte in diesem Kontext sogar Sinn. Die Forscher sprechen hier von konsonanten Faktoren, die das den eigenen Überzeugungen widersprechende Verhalten stützen bzw. rechtfertigen.
Diejenigen, die einen Dollar erhalten hatten, konnten die Bezahlung offenbar nicht zur Wiederherstellung der inneren Balance nutzen (geringer Einfluss konsonanter Faktoren), die kognitive Dissonanz blieb bestehen. Das wurde daran sichtbar, dass sie ihre Einstellung der Aufgabe gegenüber während des Experiments geändert hatten: um die andere Person (im Rückblick) nicht belogen zu haben, konnten sie sich selbst weismachen, die Aufgabe sei tatsächlich interessanter gewesen, als sie ursprünglich gemeint hatten. Sie reparierten ihre kognitive Dissonanz, indem sie also ihre Einstellung der Aufgabe gegenüber anpassten, um ein stimmigeres Bild zu erhalten.
Wenn Menschen zwischen verschiedenen erstrebenswerten Optionen zu wählen haben, lässt sich auch im Alltag beobachten, dass sie die positiven Aspekte einer einmal getroffenen Entscheidung stärker hervorheben, während sie sich negativen Argumenten ganz verschließen. Auch hier gibt die Theorie der kognitiven Dissonanz einen guten Erklärungsansatz:
Zwei gedankliche Inhalte (Kognitionen) wollen nicht recht zusammen passen – ich habe mich für Option A entschieden und Option B hätte viele Vorteile, die mir jetzt entgehen bzw. Option A hat negative Folgen – und dieser Zustand ist etwa so unangenehm wie Hunger oder Durst, was bedeuten soll, dass der Mensch ein starkes Bedürfnis (hohe Motivation) empfindet, diesen aversiven Zustand zu mildern: Seit ich mich für Option A entschieden habe, konzentriere ich mich auf die positiven Eigenschaften dieser Wahl und will Option B keine positiven Seiten mehr abgewinnen, ich will auch nichts mehr von den Vorzügen der nicht gewählten Option oder den negativen Seiten meiner Wahl hören.
In Gruppensituationen spielt kognitive Dissonanz häufig eine Rolle, wenn eine neu zur Gruppe hinzu kommende Person ihre bisherigen Annahmen oder Verhaltensweisen denen der Gruppe anpassen muss. Hier spielt die Gruppenzugehörigkeit als konsonanter Faktor eine maßgebliche Rolle. Ebensolches gilt in Konfliktsituationen zwischen Gruppenmitgliedern oder auch wenn zentrale Inhalte, die die Gruppe definieren, durch neue Informationen oder Herausforderungen bedroht sind.
Onsite
- [ ebooks ] Grundlagen der Sozialpsychologie » 3: Balance » Leon Festingers Dissonanztheorie.
Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser
- [ notizen ] Festinger & Carlsmith: Kognitive Konsequenzen erzwungener Zustimmung. Quelle: Festinger, Leon & Carlsmith, James M.: Cognitive Consequences of Forced Compliance. in: Journal of Abnormal and Social Psychology, 58; 1959. (Host: yorku.ca) HTML
Offsite
- In A First Look at Communication Theory findet sich ein aufschlussreicher Eintrag zu Festinger Theorie der kognitiven Dissonanz. Autor: Em Griffin, 1997 (Host: afirstlook.com) HTML.
- Sehr niedlich ist die nominal korrespondierende Website — mit skelettalen BasicInfos, indes bis dato ohne jegliche Links, ohne Datum, ohne Autor. Vielleicht kommt dort noch … man weiß es nicht. (Host: cognitivedissonance.net) HTML
Zitation
|
16. Juni '07
Periodika (engl.)Für mich kein Problem, und trotzdem die unendliche Geschichte mit der kognitiven Herausforderung: englisch lesen, nach deutsch umsortieren; nunja, das Englische beherrscht die E-Journal-Szene. Meine Favoriten … » lesen ... |
06. Juni '07
AggressionAggression umfasst in psychologischem Verständnis die bewusste, willentliche Verletzung anderer Personen. Nicht nur Handlungen, auch Worte gelten als verbale Aggression, wenn sie anderen psychologischen Schaden zufügen. Darüber hinaus können auch Gedanken bzw. Phantasien als aggressiv gelten, welche die Verletzung anderer zum Inhalt haben. » lesen ... |
30. Juli '07
Festinger & Carlsmith: Kognitive Konsequenzen erzwungener ZustimmungIn einer Zusammenfassung geben die Autoren Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz folgendermaßen wider: Ist eine Person gezwungen, öffentlich eine Haltung zu vertreten, die der eigenen Haltung widerspricht, ist eine Neigung zur Meinungsänderung zu beobachten – die private Haltung wird der erzwungenen angeglichen. Je mehr Druck das öffentliche Verhalten bewirkt hat, desto schwächer fällt die Neigung zur Meinungsänderung aus. Quelle: Festinger, Leon & Carlsmith, James M.: Cognitive Consequences of Forced Compliance. in: Journal of Abnormal and Social Psychology, 58; 1959. (Host: yorku.ca) HTML » lesen ... |


