Stereotyp


d.wieser, 05. Juni 07

zuletzt geändert von: d.wieser · 21. Jun 2014

Der Begriff “Stereotyp” bezeichnete ursprünglich den feststehenden Schriftsatz in der Buchdruckerkunst, abgleitet vom griechischen “stereos” mit der Bedeutung starr, fest, standhaft und “typos” mit der Bedeutung Gestalt. Walter Lippmann adaptierte den Begriff 1922 für die Sozialwissenschaft als “vorgefasste Meinung über soziale Gruppen”. 1975 adaptierte H. Putnam Stereotype für die Linguistik als “den Gebrauch eines Wortes bestimmende Merkmale”.

Man geht davon aus, dass das menschliche Bedürfnis, die Umwelt zu verstehen, vorauszubestimmen, zu ordnen und (potentiell) zu kontrollieren zur Festigung von Stereoptypen (als soziale Ordnungsschemata) führt. Die Welt ist komplex, die kognitiven Fähigkeiten des Menschen sind begrenzt und so greift man gerne auf diverse Kategorisierungen zurück, die Menschen in Gruppen aufteilen (die sprichwörtlichen “faulen Studenten”). Auffallend ist, dass stereotypisierte Kategorien meist auf schlichteste zumeist negative Eigenschaften anspielen und selbige zur Gemeinsamkeit aller Gruppenzugehörigen erklären.

Im Verlauf der Sozialisation übernimmt man Stereotype, die von anderen Personen artikuliert werden, und ist bereit, diese Kategorien zu aktivieren, sobald ein Vertreter der betreffenden Gruppe oder auch nur ein Symbol der Kategorie auftaucht. Interessant ist, dass gefestigte Stereotype sich schwerlich unterdrücken lassen — wie Forscher herausfanden, führt die bewusste Unterdrückung stereotyper Denk- und Wahrnehmungsweisen dazu, dass Stereotype letztlich sogar noch wesentlich verstärkt zum Ausdruck kommen (Rebound-Effekt).

Dass Stereotype (abseits der eher stupiden sozialen Orientierungshilfe) eine denkbar negative Wirkung haben, wird auch deutlich, wenn man sich positive Stereotype vor Augen führt: Sobald man von der Gruppenzuordnung eines Menschen auf dessen Eigenschaften schließt, indem man davon ausgeht, dass die der Gruppe zugeschriebenen Eigenschaften 1:1 auf diesen Menschen zutreffen, umgeht man die Mühe, die Person als Individuum wahrzunehmen. Man meint, bereits genug über jemanden zu wissen, wenn man erfahren hat, in welche Schublade die jeweilige Person gehört. Im sozialen Miteinander kommt es so zu groben Missverständnissen bzw. zur perfektionierten Unfähigkeit, Individuen in ihrer Komplexität kennen zu lernen.

Man kann also festhalten, Stereotype formen unsere Erwartungshaltung anderen Menschen gegenüber, sie färben den ersten Eindruck und die Deutung des Verhaltens anderer, weil sie uns die Mühe ersparen (oder unsere Unfähigkeit überbrücken), den anderen als individuelle Persönlichkeit wahrzunehmen.

Hat man die Welt erst in Eigen- und Fremdgruppe (ingroup und outgroup) aufgeteilt, ist ein Prozess in Gang gesetzt, in dessen Verlauf die Eigengruppe als der Fremdgruppe überlegen definiert wird. Somit haben Stereotype gewisse Auswirkungen auf den Gruppenzusammenhalt sowie auf die Selbst- und Fremddefinition der jeweiligen Mitglieder. Wenn man also davon ausgeht, dass die Mitglieder der Fremdgruppe negative Eigenschaften haben, erhöht das die Wertschätzung der eigenen Gruppe ebenso wie das Selbstwertgefühl der Einzelnen.

Forschungen zeigten, wie Stereotype der Eigengruppe sich auf die Leistung der Gruppenmitglieder auswirken — Individuen werden dazu neigen, in Stresssituationen dem negativen Stereotyp gemäß zu reagieren, selbst wenn sie damit unter ihrem Leistungsniveau bleiben. Wegen ihrer offenkundigen Funktionalität sind Stereotype schwierig zu überwinden. Man arbeitet zumeist in folgenden Ansätzen:

  • Man kann Eigenschaften hervorheben, die dem Stereotyp zuwiderlaufen oder nicht mit dem Stereotyp zusammenhängen, um stereotype Assoziationen zu schwächen oder aufzulösen.
  • Die Grenzen zwischen Gruppen lassen sich positiv beeinflussen, indem man auf individuelle bzw. persönliche Eigenschaften der sonst als Gruppenexemplare identifizierten Menschen aufmerksam macht.
  • Die Gruppengrenzen lassen sich auch neu definieren — etwa von getrennten Gruppen zu einer Gruppe mit gemeinsamer Identität. Oder die ursprünglichen Kategorien werden beibehalten, wobei man allerdings zugleich darauf hinweist, dass in gemeinsamen Zielen Zugehörigkeit zu einer übergeordneten Gruppe besteht bzw. dass die Gruppenmitglieder mitunter von einander abhängig sind.

Um Stereotype maßgeblich zu beeinflussen, müssen die jeweiligen Gruppen in fortgesetztem Kontakt zueinander stehen. Je sauberer die Grenzziehungen sind, desto unwahrscheinlicher sind vorbehaltlose Kontakte. Man muss wohl nicht noch erwähnen, dass fortgesetzte Kontakte zwischen den Gruppen in bestimmten Konstellationen ebenso zur Festigung von Stereotypen beitragen können.

Onsite
  • [ ebooks ] Grundlagen der Sozialpsychologie » Kapitel 4: Vorurteil.
    Autor: Dr. C. George Boeree; dt.: d. wieser
  • [ notizen ] McIntyre et al.: Social Impact und Stereotyp
  • [ notizen] Hall & Crisp: Angstinduzierte Reaktionsbeständigkeit und Stereotypänderung
  • [ notizen] Jelenec: Implizite Einstellungen gegenüber älteren Frauen und Männern
Offsite

Zitation

wieser, d. (05. Juni '07): Stereotyp, URL: http://www.social-psychology.de/sp/konzepte/stereotyp


16. Juni '07

Periodika (engl.)

Für mich kein Problem, und trotzdem die unendliche Geschichte mit der kognitiven Herausforderung: englisch lesen, nach deutsch umsortieren; nunja, das Englische beherrscht die E-Journal-Szene. Meine Favoriten …


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Schlüsselkonzept
29. Januar '08

Exotismus und Xenophobie

Beiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie zunächst einmal auf (unbewusst wirksame) Bilder des Fremden zurück zu führen sind, die auf individualpsychologischer, sozialpsychologischer und kultureller Ebene als Vermeidungshaltungen Bedeutung erlangen. Für die Interaktionen zwischen Gruppen spielen Exotismus und Xenophobie als kulturell verankerte Bilder der Fremdgruppe und tief verwurzelte Bewusstseinsphänomene eine Rolle.

«Von den Fremdenbildern einer Gesellschaft kann man auf ihre Veränderungschancen schließen.» [ Erdheim, 262 ]


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Referat
03. Juni '07

Rogers, Carl: Bedeutsame Aspekte der klientenzentrierten Therapie

Das klientenzentrierte Wesen der Therapie besteht darin, dass sich der Therapeut darauf konzentriert, eine warme, zugewandte Atmosphäre zu gestalten, in welcher die Klienten arbeiten können.
Das Verhalten des menschlichen Organismus mag von den Einflüssen bestimmt sein, denen der Mensch ausgesetzt war, doch ebenso ist er von der kreativen und integrativen Einsicht des Organismus selbst bestimmt.


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