«Sie sind mir vorgekommen, wie die Billardkugeln, die auf der grünen Decke durcheinander laufen, ohne von einander zu wissen, und die, sobald sie sich berühren, desto weiter auseinander fahren.»
Goethe an Eckermann, 1827
Bettelheim: So können sie nicht leben
d.wieser, 04. Juni 07
Bruno Bettelheim ist in den 50er Jahren Leiter der von ihm neu organisierten Sonia Shankman Orthogenic School der Uni Chicago. Der Begriff “orthogenic” leitet sich aus dem Griechischen ab und meint den “rechten Weg”. Dort werden nun nicht mehr körperlich und geistig behinderte Kinder betreut, die Schule wird zum Rehabilitationszentrum für emotional schwer gestörte Kinder ausgebaut. Zudem bildet die Schule Betreuungspersonal aus. In einer mehrbändigen Reihe stellt Bettelheim das Konzept der Einrichtung detailliert dar. Dies ist der zweite Band, der vier exemplarischen Fallgeschichten gewidmet ist, um zu dokumentieren, welche Entwicklung Kinder an der Orthogenic School bereits durchlaufen haben.
Zur Rehabilitation emotional gestörter Kinder gehen Bettelheim und seine Kollegen (für die damalige Zeit) ungewöhnlich aufwändige Wege:
«[…] denn wir versuchen hier soweit es menschenmöglich ist, alle Bemühungen auf die besonderen Erfordernisse jedes Falles abzustimmen, auf die Eigenarten, die die Störung und die sich herausschälende Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes bedingen. Wir versuchen nicht, seinen allgemeinen Bedürfnissen gerecht zu werden, sondern immer den Erfordernissen des besonderen Augenblicks, der besonderen Situation und der besonderen persönlichen Beziehung.» (10)
Nun kann man nicht eben behaupten, der Text sei für Laien gut verständlich und nachvollziehbar. “Erfordernisse”, “Eigenarten” und “Störungen” sind hier psychoanalytisch verstanden, und ohne solide Kenntnisse der psychoanalytischen Logik und Begriffswelt werden die Leser den Falldarstellungen kaum folgen können.
In der Orthogenic School geht es nicht um Erziehung und Betreuung, es geht um Rehabilitation, also eher um den Entwicklungsprozess der Genesung. Dabei wird von der Einrichtung alles daran gesetzt, heilungsfördernde Umstände zu schaffen, die den sich entwickelnden Bedürfnissen der Kinder sorgsam angepasst werden – ohne zu viel Anleitung oder “Einmischung” von Seiten des therapeutischen Betreuungspersonals. Rehabilitationsmöglichkeiten und Entwicklungsziele liegen definitiv beim Individuum und nie in den Erwartungen des Teams. Man vertraut behutsam allen Regungen des jeweiligen Kindes und unterstützt positive Entwicklungen, lässt Destruktionsneigungen zu (so weit niemand geschädigt wird) und hält Phasen aus, in denen ein Kind kaum Fortschritte macht oder in seiner Entwicklung regrediert.
Um diese Maßgaben und ihre Wirkung auf emotional schwer gestörte Kinder zu dokumentieren, breitet Bettelheim auf gut 420 Seiten vier Fallgeschichten aus: Paul, ein Fall von “Heimschädigung”, Mary, ein schizophrenes Mädchen, John, ein Kind mit Anorexie, und Harry, ein verwahrlostes Kind. Diese Klienten sind durchaus nicht als “Vorzeigekinder” ausgewählt, wie Bettelheim häufig betont, sondern geben in der Unterschiedlichkeit ihrer Störungen Einblicke dahingehend, was Rehabilitation von innen heraus und innerhalb einer nahezu perfekt auf die Kinder eingehenden sozialen Umgebung bedeutet. Es mag vielleicht erschütternd sein, dass es selbst in krassen Situationen nie Maßregelungen gibt: als ein Kind bevorzugt die Möbel des Schlafraums umher wirft und die Einrichtung zerstört, werden die Möbel schließlich am Boden angeschraubt, um die Verletzungsgefahr zu bannen; Verbote oder Drohungen gibt es nicht. Am Beispiel des anorektisch erkrankten Kindes wird deutlich, wie behutsam die Therapeuten dessen schwieriges Verhältnis zur Nahrung sich entwickeln lassen, ohne (scheinbar) von Besorgnis übermannt irgendwelche Maßnahmen zu unternehmen. Das verwahrloste Kind verschwindet ungehindert durchs Fenster des Schlafraums, um nachts in der Stadt zu tun, was es auch vor seiner Ankunft in der Orthogenic School zu tun pflegte. Die Therapeuten mühen sich, das Kind dezent zu begleiten, um es vor Gefahr zu schützen und weisen darauf hin, dass es das Gebäude jeder Zeit durch die Eingangstüre verlassen kann. Tagelang anhaltende Schreianfälle des schizophrenen Mädchens werden durchaus nicht irgendwie gestoppt – und das gesamte Personal ist rund um die Uhr damit befasst, die Entwicklung der Kinder präzise zu beobachten und sich als Bezugspersonen zur Verfügung zu halten.
Was Bettelheim beschreibt, gibt einen Einblick in die ungeheure Einsatzbereitschaft und das grandiose Durchhaltevermögen der zahlreichen Betreuer, deren Interventionen nichts mit “Erziehung” gemein haben. Die Vorgehensweise erinnert an Winnicotts Konzept der guten (haltenden) Mutter, denn die vorrangige Aufgabe besteht darin, die Umgebung den situativen Bedürfnissen der Kinder anzupassen – nicht jedoch die Kinder dem Verhaltenskodex der Gesellschaft anzugleichen.
«Wir konzentrieren uns ausschließlich auf Kinder, die am Tag 24 Stunden Anstaltsbehandlung brauchen, Man kann daher leicht ihre Angst verstehen, ob sie nun fähig sein werden, ein Leben zu bewältigen, das sich früher als Überforderung ihrer Kräfte erwiesen hatte. Der Eintritt ins Leben in der Außenwelt ist für sie die höchste Prüfung. Sie ist zwar eine große Herausforderung, bedeutet aber auch eine furchtbare Belastung ihrer Kräfte.» (16)
Somit vollzieht sich an der Orthogenic School eine Rehabilitation im Rahmen der Kapazitäten, die jedes Kind aus sich selbst heraus aufbringen kann sowie in einem zeitlichen Rahmen, den das jeweilige Kind für seine Entwicklung beansprucht. Die Rückkehr in die Gesellschaft – ob zurück zur Familie oder in ein anderes Betreuungskonzept – bedeutet neue Herausforderungen, denen die Kinder oder jungen Erwachsenen wiederum vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erwartungen begegnen können:
«Es ist eine schwierige und angstbeladene Anpassung, die sich selbst für ein “normales” Kind als zu anstrengend erweisen könnte. [… wir müssen] danach streben, das Kind in solchem Maß zu stärken, dass es fähig ist, ganz allein relativ erfolgreich ungünstige Umstände zu meistern. Technisch gesprochen: Wir müssen uns klarmachen, dass die “Substruktur” der Persönlichkeit des Kindes immer schwach bleiben wird.» (17)
Bemerkenswert und von Bettelheim nicht explizit hervorgehoben scheint mir die Achtung vor jedem Individuum, welches in seinem bisherigen Leben auf gewisse Lebensumstände reagieren musste, die die kindliche Persönlichkeit in ihrer Entwicklung (zer-) stören. So bietet man den Kindern an der Orthogenic School eine soziale Umwelt, die kaum Anpassungsleistungen verlangt und so den Raum für individuelle Entwicklung erst eröffnet. Augenfällig ist zudem, dass die Kinder sich nach ihrer Ankunft zunächst keinem anderen Lebewesen zuwenden können, nach einer gewissen Verweildauer öffnen sie sich so weit, dass Beziehungen überhaupt erst möglich werden. Und ab diesem Punkt wirken die Therapeuten behutsam auf das Entstehen positiver, ermutigender Beziehungen hin, welche die Selbständigkeit der Kinder zusehends stärken.
Zwar rühmt sich Bettelheim an keinem Punkt der Erfolge, den die von ihm konzipierte Rehabilitionstechnik erzielen konnte, dem Leser wird indes deutlich, wie heilsam der Aufenthalt in der Orthogenic School für jedes der vier Kinder gewesen ist. Die Sorge des Autoren um ihren weiteren Lebensweg in einer Gesellschaft, die ihnen ein unauffälliges “Normalsein” unbedingt abverlangt, ist für Bettelheim der eigentliche Prüfstein seiner Arbeit.
Quelle:
Bruno Bettelheim: So können sie nicht leben. Die Rehabilitierung emotional gestörter Kinder. München: dtv, 1985. [ Originaltitel, 1955: Truants form Life: The Rehabilitation of Emotionally Disturbed Children. ]
Offsite
Aktuellere Fallgeschichten (stark komprimiert) findet man auf der Homepage der Orthogenic School; (Host: uchicago.edu) HTML
Zitation
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