Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955


d.wieser, 16. Juni 07

Das Leib-Seele-Problem, klinisch gesehen

Eine knappe Abhandlung zur Relativierung psychosomatischer Zusammenhänge.

Schon die Alltagssprache weist darauf hin, dass ein Zusammenhang zwischen seelischen und physischen Vorgängen bestehe, so Frankl. Am Beispiel der Aerophagie kann nachvollzogen werden, dass das Herunterschlucken oder Herunterwürgen von Ärger dazu führt, dass man tatsächlich Luft schluckt, wie sich internistisch nachweisen lässt.

Es ist Frankls Position, der ganze Mensch müsse behandelt werden, auch wenn es sich um scheinbar ausschließlich physische Probleme handelt. Er wendet sich indes gegen die verallgemeinernde Haltung, jede physische Erkrankung sei psychischen Ursprungs, “leibliches Geschehen ist somit keineswegs immer der Ausdruck seelischen Erlebens” (132).

Der umgekehrte Wirkungsmechanimus ist ebenso denkbar, dass also physische Gegebenheiten sich psychisch auswirken. In seiner Abhandlung zu Angst- und Zwangsneurosen hatte Frankl bereits darauf hingewiesen, dass die Funktionsweise der Schilddrüse einen Einfluss auf die rein physisch zu nennende Angstbereitschaft eines Menschen haben kann. Aus solchen Zusammenhängen nun jedoch den Schluss zu ziehen, Geist oder Gewissen ließen sich auf Schilddrüsenhormone reduzieren, sei ein gefährlicher Trugschluss.

In der Erforschung psychosomatischer Zusammenhänge sei darauf zu achten, dass zwischen Bedingen und Bewirken im Unterschied zum Erzeugen von Symptomen differenziert werde.

Spiritismus

Da Frankl sich der Entmythologisierung verschrieben hat, macht er es sich hier zur Aufgabe, etwaige Mythen um dieses Zeitphänomen zu entwirren.

Man könnte sich verwundert fragen, warum Frankl sich diesem Thema zuwendet, und es geht ihm auch hier um die so genannte Psychohygiene, denn Menschen mit einer gewissen Anfälligkeit können aus der Einlassung auf spiritistische Kulte heraus regelrecht erkranken. Nach seinen Erkenntnissen verursacht Spiritismus zwar keine Geistesstörungen, kann sie aber durchaus auslösen.

Als Ursache dafür, dass Spiritismus auf größeres Interesse in der Bevölkerung trifft, nennt Frankl die “Desorientiertheit am Geistigen” als eine “Form der Glaubenslosigkeit” (136). Zur Wirkungsweise dieser Mode verweist er auf Massen- und Autosuggestion, welche missbräuchlich als Indizien für die Macht des Geistes verkauft würden.

Möglicherweise handelt es sich also um ein Phänomen, gespeist aus der Sehnsucht der Menschen nach der Entdeckung der Trotzmacht des Geistes. Nach Frankls Dafürhalten sind solche Wege der Auseinandersetzung mit dem Geistigen mehr als nur dubios, sondern schädlich: “mir will scheinen, als ob durch dergleichen Praktiken die geistige Wirklichkeit des Menschen, das wirklich Geistige in der Welt, dem schlichten und einfachen Menschen und dessen unbefangenem gesunden Verstand gegenüber eher in Misskredit gebracht würde, anstatt gefördert – zu welcher Förderung wir heute wahrlich allen Grund haben” (140).

Was sagt der Psychiater zur modernen Kunst?

Vermutlich ist dieser Vortrag die Antwort auf die Frage, ob moderne Künstler psychiatrischer Behandlung bedürfen, weil man sie mit Blick auf ihre ungewöhnlichen Schöpfungen für geisteskrank hält (?) …

Es ist in der Tat nicht ersichtlich, welchen Sinn dieser Vortrag hat. Frankl erklärt sich vorweg als nicht-sachverständig im Bereich Kunst. Eventuelle psychische Erkrankungen weisen nicht auf einen bestimmten künstlerischen Stil hin und umgekehrt. Bilder psychisch erkrankter Menschen zeigen keine deutlichen Identifikationsmerkmale, zumal Frankl richtig stellen muss, “niemals ist eine seelische Krankheit an sich produktiv, niemals ist das Krankhafte selber von sich aus schöpferisch” (143).

Noch wirrer wird die Abhandlung, als Frankl ein Experiment heranzieht, in welchem er Studierenden Texte von Heidegger und Texte von einer schizophren erkrankten Person ohne Hinweis auf die Autoren vorlegte. Es war den Studenten nicht möglich, Heideggers Texte von denen eines Schizophrenen zu unterscheiden, was Frankl darauf zurückführt, dass Heidegger gern Neologismen in die philosophische Sprache eingeführt hat, die seine aus dem Kontext gerissenen Texte unverständlich wirken lassen.


Zitation

wieser, d. (16. Juni '07): Frankl: Rundfunkvorträge 1951-1955, URL: http://www.social-psychology.de/sp/notizen/frankl-vortraege

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16. Juni '07

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