
Adler, Alfred [1870–1937]
Ich möchte Alfred Adler gerne vorstellen, indem ich über einen Menschen spreche, den Adler nie kennen gelernt hat: Theodore Roosevelt. Als Sohn von Martha und Theodore Senior am 27. Oktober 1858 in Manhattan geboren, sagte man von ihm, er sei ein besonders hübsches Baby gewesen, das keine Hilfestellung brauchte, als es die neue Welt betrat. Seine Eltern waren stark, intelligent, gut aussehend und recht begütert. Es sollte eine idyllische Kindheit sein.
Doch “Teedie”, so wurde er genannt, war nicht so gesund, wie es zunächst den Anschein hatte. Er litt an schwerem Asthma, bekam leicht eine Erkältung, Husten und Fieber, und er litt an Übelkeit und Durchfall. Er war zierlich und sehr dünn. Auch als erwachsener Mann hatte er noch diese dünne Stimme, er war schlecht ernährt und musste wegen seiner Asthmaanfälle oftmals die Nacht in einem Stuhl sitzend verbringen. Es ist mehrmals vorgekommen, dass er beinahe wegen Sauerstoffmangels gestorben wäre.
Um kein zu negatives Bild zu zeichnen ist hinzuzufügen, dass Teedie ein aktiver Junge war – man könnte sagen, er war sogar übermäßig aktiv – und eine fantastische Persönlichkeit hatte. Die Natur hatte seine Neugier geweckt, und er führte seine Cousins und Cousinen auf Expeditionen, um nach Mäusen, Eichhörnchen, Schlangen, Fröschen und allem möglichen zu suchen, was sich sezieren oder konservieren ließ. Da er wegen des Asthmas oft lange Zeit im Haus bleiben musste, wandte er sich den Büchern zu, die er Zeit seines Lebens verschlang. Er mag ein kränkliches Kind gewesen sein, aber er hatte definitiv den Wunsch zu leben!
Nach einer Reise durch Europa, die er mit seiner Familie unternommen hatte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Er war gewachsen, aber nicht stärker geworden. Letztlich folgte er dem ärztlichen Rat und den Ermutigungen durch den Vater und begann im Alter von zwölf Jahren, Gewichte zu heben. Wie alles, was er in Angriff nahm, ging er auch enthusiastisch ans Gewichtheben heran. Und tatsächlich, er wurde gesünder und überstand zum ersten Mal in seinem Leben einen ganzen Monat ohne Asthmaattacken.
Als er dreizehn Jahre alt war, fiel ihm ein anderer Defekt an sich selbst auf: Als er zum Beispiel mit dem Gewehr, das ihm der Vater gegeben hatte, kein einziges Ziel treffen konnte oder ihm seine Freunde die Texte eines Billboards vorlesen mussten, weil ihm nicht aufgefallen war, das dort etwas geschrieben stand – man fand heraus, dass er stark kurzsichtig war!
Im selben Jahr schickte man ihn aufs Land, nachdem er einen schlimmen Asthmaanfall gehabt hatte. Auf dem Weg dorthin forderten ihn ein paar Jungs seines Alters zum Kampf heraus. Dabei wurde ihm klar, dass er sich selbst nicht verteidigen konnte, er konnte ihnen keinen Schaden zufügen. Später verkündete er seinem Vater, dass er boxen lernen wolle. Als er schließlich nach Harvard ging, war er nicht nur ein gesünderer Teddy Roosevelt, sondern sogar ein bekannter Sieger bei verschiedenen sportlichen Wettbewerben.
Der Rest ist Geschichte, wie man so sagt. “Teedie” Roosevelt wurde ein erfolgreicher New Yorker Assemblyman, ein North Dakota Cowboy, ein New Yorker Commissioner of Police, Assistant Secretary der Navy, Lieutenant Colonel der “Rough Riders”, der Governor von New York und ein Bestseller-Autor, alles vor seinem vierzigsten Lebensjahr. Nach dem Tod des Präsidenten William McKinley 1901 wurde Theodore Roosevelt der jüngste Präsident der Vereinigten Staaten.
Wie kann es sein, dass ein so kränkliches Kind zu einem derart gesunden, kräftigen und erfolgreichen Erwachsenen wird? Wieso blühen einige Kinder auf – ob kränklich oder nicht – während andere dahinwelken? Ist der Antrieb, den Roosevelt verspürt hat, ein individuelles Phänomen, oder haben wir alle etwas derartiges in uns? Solche Fragen bewegten einen jungen Wiener Arzt namens Alfred Adler und sie führten ihn letztlich zu einer Theorie, die Individualpsychologie genannt wird.
Zitation
Rank, Otto [1884–1939] « | » Horney, Karen [1885-1952]
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