
Fromm, Erich [1900-1980]
Menschliche Bedürfnisse
Wie zahlreiche andere glaubte auch Erich Fromm, dass wir Bedürfnisse habe, welche weit über die grundlegenden physiologischen Bedürfnisse hinaus gehen, die nach Auffassung von Theoretikern wie Freud und einigen Behavioristen unser gesamtes Verhalten erklären. Fromm bezeichnet sie als menschliche Bedürfnisse im Kontrast zu den grundlegenderen tierischen Bedürfnissen. Und er schlägt vor, die menschlichen Bedürfnisse in einer schlichten Aussage auszudrücken: Das menschliche Lebewesen muss eine Antwort auf seine Existenz finden.
Fromm hält es für die vielleicht hauptsächlichste Aufgabe der Kultur, uns bei der Suche nach der Antwort zu helfen. In gewisser Hinsicht, so meint er, sind alle Kulturen religiös, versuchen den Sinn des Lebens zu erklären. Dabei sind einige natürlich erfolgreicher als andere.
Ein negativerer Weg, diesem Bedürfnis Ausdruck zu verleihen ist die Feststellung, dass wir Wahnsinn vermeiden müssen, und Fromm definiert die Neurose als unser ineffektives Bemühen, das Bedürfnis nach Antworten zu befriedigen. Er sagt, jede Neurose sei eine Art private Religion, wir wenden uns ihr zu, wenn unsere Kultur uns nicht mehr befriedigt.
Er nennt fünf menschliche Bedürfnisse:
1. Relatedness (Verbundenheit)
Als menschliche Wesen sind wir uns unserer Trennung von einander bewusst und suchen diese zu überwinden. Fromm bezeichnet es als unser Verlangen nach Verbundenheit und betrachtet es als Liebe im weitesten Sinne. Liebe, so sagt er, “is union with somebody, or something, outside oneself, under the condition of retaining the separateness and integrity of one’s own self.” (S. 37 in: The Sane Society). Sie ermöglicht es uns, unser Getrenntsein zu transzendieren, ohne unsere Einzigartigkeit zu negieren.
Das Verlangen ist so stark, dass wir es manchmal in ungesunder Weise zu befriedigen suchen. Einige suchen beispielsweise ihre Isolation zu beenden, indem sie sich einer anderen Person, einer Gruppe oder einer Gottesvorstellung unterwerfen. Andere suchen ihre Isolation zu beenden, indem sie andere dominieren. Beide Wege sind unbefriedigend: Ihr Getrenntsein wird nicht überwunden.
Ein anderer Weg, den manche versuchen, besteht darin, das Verlangen durch Negieren zu überwinden. Das Gegenstück zur Verbundenheit bezeichnet Fromm als Narzissmus. Narzissmus – die Eigenliebe – ist bei Kindern natürlicher Weise vorhanden, da sie sich zunächst einmal nicht getrennt von der Welt und anderen erleben. Doch bei Erwachsenen ist Narzissmus Ursprung der Pathologie. Wie der schizophrene hat auch der narzisstische Mensch nur eine Wirklichkeit: die Welt der eigenen Gedanken, Empfindungen und Bedürfnisse. Seine Welt wird zu dem, was er will und er verliert den Kontakt zur Wirklichkeit.
2. Creativity (Kreativität)
Fromm geht davon aus, dass wir alle die Sehnsucht haben, zu überwinden, zu transzendieren, ein weiteres Faktum unseres Seins: unser Gefühl, passive Kreaturen zu sein. Wir wollen Schöpfer sein. Es gibt zahlreiche Wege, schöpferisch zu sein: wir gebären, pflanzen, wir stellen Töpfe her, malen Bilder, schreiben Bücher, lieben einander. Kreativität ist tatsächlich Ausdruck der Liebe.
Leider finden manche keinen Weg zur Kreativität. Frustriert versuchen sie ihre Passivität zu transzendieren, indem sie statt dessen Zerstörer werden. Das Zerstören setzt mich “über” die Dinge – oder die Menschen – , die ich zerstöre. Ich fühle mich mächtig. Wir können ebenso hassen wie lieben. Doch letztendlich erlangen wir nicht das Gefühl der Transzendenz, das wir brauchen.
3. Rootedness (Verwurzelung)
Wir brauchen zudem auch Wurzeln. Wir müssen uns im Universum daheim fühlen, obzwar wir als menschliche Wesen irgendwie von der Natur entfremdet sind.
Die einfachste Version wäre, die Bindungen zu unseren Müttern aufrecht zu erhalten. Doch Aufwachsen bedeutet, wir müssen die Wärme der Liebe unserer Mutter hinter uns lassen. Blieben wir, wäre es etwas, das Fromm als psychologischen Inzest bezeichnet. Um die schwierige Erwachsenenwelt zu meistern, müssen wir neue, breitere Wurzeln finden. Wir müssen die Menschheit als Bruderschaft (und Schwesternschaft) entdecken.
Auch hier gibt es eine pathologische Seite: Wenn beispielsweise ein Schizophrener versucht, zu einer Mutterleib-ähnlichen Existenz zurück zu kehren, wo die Nabelschnur nie durchtrennt worden ist, könnte man sagen. Es gibt auch den Neurotiker, der sich fürchtet, sein Zuhause zu verlassen, sogar nur um die Post entgegen zu nehmen. Und es gibt den Fanatiker, der seinen Stamm, sein Land, seine Kirche … als das einzig Gute betrachtet, das einzig Wirkliche. Jeder andere ist ein gefährlicher Außenseiter, dem man entweder aus dem Weg gehen oder den man zerstören muss.
4. Sense of identity (Sinn | Gefühl für Identität)
“Man may be defined as the animal that can say ‘I.’” (S. 62 in: The Sane Society) Fromm geht davon aus, dass wir einen Sinn für Identität, für Individualität haben müssen, um geistig gesund zu bleiben.
Dieses Bedürfnis ist so mächtig, dass wir manchmal getrieben sind, es beispielsweise darin zu finden, alles für Statussymbole zu tun, oder indem wir verzweifelt versuchen, uns anzupassen. Manchmal würden wir sogar unser Leben dafür geben, um Teil einer Gruppe zu bleiben. Doch das ist nur vorgebliche Identität, eine Identität, die wir von anderen übernehmen, statt einer Identität, die wir selbst entwickeln, und somit kann sie unser Verlangen nicht befriedigen.
5. A frame of orientation (Orientierungsrahmen | Rahmen der Orientierung)
Zum guten Schluss müssen wir die Welt und unseren Platz darin verstehen. Wieder versucht unsere Gesellschaft – und besonders die religiösen Aspekte unserer Kultur – uns das Verständnis vorzugeben. Dinge wir unsere Mythen, Philosophien und Wissenschaften geben uns Struktur.
Fromm sagt, es handelt sich eigentlich um zwei Bedüfnisse: zuerst benötigen wir einen Rahmen zur Orientierung – hier geht beinahe alles. Selbst ein schlechter Rahmen ist besser als gar kein Rahmen! Und somit sind die Leute generell ziemlich leichtgläubig. Wir wollen an etwas glauben, gelegentlich sogar ganz verzweifelt. Wenn wir keine Erklärung zur Hand haben, erfinden wir eine und zwar via Rationalisierung.
Der zweite Aspekt ist, dass wir einen guten Rahmen zur Orientierung wollen, einen nützlichen, präzisen Rahmen. Hier kommt die Vernunft ins Spiel. Es ist nett, dass unsere Eltern und andere Menschen uns Erklärungen für die Welt und das Leben vermitteln, aber wenn diese Erklärungen nicht taugen, wozu sind sie dann noch gut? Ein Orientierungsrahmen muss rational sein.
Fromm fügt noch etwas hinzu: Er sagt, wir wollen nicht nur eine kalte Philosophie oder materielle Wissenschaft. Wir wollen einen Orientierungsrahmen, der uns mit Sinn versorgt. Wir wollen verstehen, doch wir wollen ein warmes, menschliches Verstehen.
Zitation
Horney, Karen [1885-1952] « | » Skinner, B. F. [1904-1990]
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