1. Philosophisches Prospekt

Ich glaube, dass die Welt nur aus Qualitäten zusammengesetzt ist – Farben, Temperaturen, Formen, Texturen, Bewegungen, Bilder, Empfindungen und so weiter.

Anders als die Materialisten, reduziere ich diese Qualitäten nicht auf Atome, Energien oder das “Physische”. Für mich sind diese Atome nur Erklärungsmittel, die uns helfen, Dinge vorauszusagen und zu kontrollieren, insbesondere wenn wir nicht sehen können, was vorgeht. Doch ohne die Qualität, auf die sie verweisen, sind sie nichts.

Aber anders als Idealisten wie Bishop Berkeley, glaube ich nicht, dass all diese Qualitäten nur in Gegenwart des Geistes existieren – für einige Qualitäten mag das zutreffend sein, aber nicht für alle. Wenn im Wald ein Baum umstürzt, gibt es ein Geräusch, egal, ob es jemand hört oder nicht. Des weiteren glaube ich, dass es sehr viele Qualitäten gibt – vielleicht eine unendliche Anzahl – die wir nicht wahrnehmen und nicht wahrnehmen können. Zum Beispiel können einige Tiere Geräusche hören und Farben sehen, die wir nicht wahrnehmen können. Derartige Geräusche und Farben sind ebenso real und reichhaltig wie ein hohes C oder blau-grün.

Andererseits bezeichnen wir einige dieser Qualitäten als “Materie” und andere als “Geist”. “Materie” umfasst die Qualitäten, die Form, Widerstand und besonders die Trennung vom Geist betonen. Die als “Geist” bezeichneten Qualitäten sind schwerer zu bestimmen, persönlicher, schwieriger mitzuteilen. Beide Gruppen von Qualitäten sind real, keine der anderen überlegen. Hinzu kommen Qualitäten von Zeit, Raum, Zahl, Kausalität und so weiter, die kaum in eine der beiden vorgenannten Kategorien passen.

Einige Qualitäten können miteinander in Interaktion treten und sich ineinander verwandeln, während andere Qualitäten stur von anderen getrennt bleiben. Es würde meiner Liebe zur Ganzheit entgegenkommen, wenn alle Qualitäten letztlich doch miteinander verbunden wären, doch ich betrachte das nicht als absolut notwendig.

Ich gehe davon aus, dass geistige Qualitäten später im Laufe der Geschichte des Universums entstanden sind als die dinglichen Qualitäten. Vermutlich sind sie aus den speziellen Organisationen des Dinglichen hervorgegangen, die wir als Leben bezeichnen. Doch dies verwirft die Realität geistiger Qualitäten nicht, desgleichen ist Wasser nicht weniger wert, weil man weiß, dass es auch Wasserstoff und Sauerstoff zusammengesetzt ist.

Meine “Metaphysik” führt geradewegs zu meiner “Epistemologie”. Eine bewusste Einheit kann nur in einem kleinen Ausschnitt der umfassenden Realität bewusst sein. Sie wird von seiner Position im Raum begrenzt, von der Vielfalt seiner Sinnesorgane, von der Empfindsamkeit dieser Organe, von seinem Zugang zu seinen eigenen Prozessen und anderem mehr. Mit anderen Worten, jeder hat eine eigene Perspektive zu der Welt der Qualitäten. Meine “Epistemologie” nenne ich Perspektivität.

Eine Konsequenz der Perspektivität ist, dass der Kontrast zwischen Objektivität und Subjektivität nicht länger so furchtbar bedeutsam ist: Man kann letztlich nur eine Perspektive einnehmen, und obwohl einige Perspektiven zweifelsohne besser sind als andere, ist keine davon als die ultimative Perspektive geeignet. Wenn man die Gesamtheit der Realität verstehen möchte, muss man alle möglichen Perspektiven zusammennehmen. Das ist natürlich unmöglich, somit können wir nur unser Bestes geben, um das Unendliche zu verstehen. Und damit wir uns dem Verstehen nähern können, müssen wir der Vielfalt der Perspektiven, denen wir begegnen, größten Respekt entgegenbringen, weil eben jede zu unserem Verständnis des Ganzen beitragen kann und wird.

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Theorie der Perspektiven: 1. Philosophisches Prospekt, URL: http://www.social-psychology.de/sp/tdp/1-philosophisches-prospekt

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